verkehrte welt. (#kolumne)

würde ich für jedes einzelne mal, wenn mich jemand ‚gutmensch‘ nennt, einen euro bekommen – ich wäre reich.
und dennoch bereitet mir dieses wort unbehagen.

der duden definiert gutmensch so:

 

 

 

 

 

 

wichtig für mich in dieser definition ist das wort ‚empfunden‘ – ein gutmensch ist also jemand, der nicht naiv, übertrieben korrekt oder nervtötend ist, sondern nur so empfunden wird.
und zwar von ‚den anderen‘.

die frage aber ist:
wer sind diese anderen?
als‘ schlechtmenschen‘ möchten sie nicht bezeichnet werden (oh, da habe ich schon schöne dinge gelesen, als ich das mal gefragt habe), aber gute menschen, also ‚gutmenschen‘, wollen sie auch auf keinen fall sein.
aber gibt es ein dazwischen?

gutmensch ist mittlerweile ein begriff, von dem die meisten menschen nicht mal wissen, woher er eigentlich kommt.
dass wahrscheinlich die nazis diesen begriff geprägt haben, um ihre politischen gegner/innen zu diffamieren, interessiert keinen. und wenn, dann macht es ja nichts – ‚der hitler war ja gar nicht so schlimm, in manchen sachen hatte er ja recht.‚ (das ist nicht meine meinung, das liest man leider immer öfter in sozialen medien.)
und mit einem begriff, mit dem hitler seine kritiker/innen lächerlich machen wollte, werfen heute die … anderen um sich.
diese anderen – wer sind die eigentlich?
wer ist es, der mir ständig sagt, ich sei ein gutmensch – obwohl ich von naiv und unkritisch meilenweit entfernt bin?
wer ist es, der es cool findet, kein gutmensch zu sein – also ein mensch, der offenbar lieber schlecht ist, der sich nicht für das gemein.wohl interessiert, der jedem anderen mit neid und missgunst begegnet und offenbar so viel angst in sich trägt, dass er sogar den wortlaut von nazis übernimmt, ohne selbst nazi zu sein?

meine persönliche erfahrung zeigt:
es gibt diese ‚anderen‘ nicht.
recht oft sind es junge mädchen, früh mutter geworden, die durch die schwangerschaft die schule abgebrochen haben und von der mindestsicherung leben. so tragisch es ist, aber in diesem fall verstehe ich die angst sogar: die angst davor, weniger zu haben, die angst vor dem, wovon das umfeld immer spricht, zu dem aber der eigene bezug und das hintergrund.wissen fehlt.
doch dann sind da auch ältere menschen, die eigentlich wissen müssten, wohin solche aussagen führen können, woher sie kommen. oder männer im besten alter, berufstätig, die eigentlich keinen grund hätten, angst zu haben. und deren bildung gut genug sein müsste, um die komplexität des wortes ‚gutmensch‘ zu erkennen.
keine/r von diesen personen ist wirklich dem rechten lager zuzuordnen, das weiß ich – und genau das macht es so schlimm.
wenn sogar menschen, die politisch weder besonders links noch besonders rechts stehen, beginnen, blind und ohne nachzudenken worte zu benutzen, die etwa strache mit bedacht wählt, um die masse zu mobilisieren, und das auch noch funktioniert – wohin führt das?
sind wir menschen wirklich so dumm, dass wir nicht einmal merken, wenn uns jemand eine gehirn.wäsche verpasst? dass wir plötzlich rechtes gedanken.gut in die gesellschaft tragen und uns keine gedanken darüber machen, welche auswirkungen das hat?

offenbar.
denn ein großteil jener, die mir an den kopf werfen, ein ‚linkslinker gutmensch‘ zu sein, sitzen auf ihrem sofa, lesen keine nachrichten mehr (alles lügenpresse und meinungsmache!), sehen auch keine nachrichten im fernsehen (der orf ist ja sowieso politisch gefärbt, geh bitte, dem kann man doch nix glauben!), holen sich ihre meinung aus den (un).sozialen medien – und werden dort von jenen abgeholt, die auf der suche sind nach orientierungs.losen schafen, nach menschen, die sie nach ihrem belieben formen und mit gedanken füttern können, ohne mit gegen.wind rechnen zu müssen.
(das traurige ist: all das kann man auf den profilen dieser menschen öffentlich nachlesen. denn selbst, wenn sie lautstark ein abhör.verbot fordern und überall spionage wittern – für die privatsphäre.einstellungen ihrer facebook.accounts interessieren sie sich selten.)

anders kann man es sich nicht erklären, dass es wirklich menschen gibt, die sich beschweren, dass flüchtlinge gerne unbenutzte, saubere hand.tücher hätten. unterhosen ohne löcher. betten anstelle von matten auf dem boden.
anders kann man es sich nicht erklären, dass sie ihnen nicht mal ein deo gönnen. dass sie eine wurstsemmel für ein geeignetes abend.essen halten. dass sie ‚ausländer raus!‚ schreien, während sie selbst auch im winter eine haut.farbe haben, die von ‚arisch‚ weit weg ist. (nein, ich habe nichts gegen menschen mit anderer haut.farbe – aber gegen menschen, die selbst migrations.hintergrund haben und trotzdem ‚gegen ausländer‘ wettern und arisch für das beste ever halten.)
wie kann es sein, dass es menschen gibt, die katzen.bilder teilen und engerl und sprüche übers lieb.haben – nur um dann zu kommentieren, dass ‚alle flüchtlinge daschossn ghörn‚ und ‚man die kz wieder öffnen sollte‚, weil es dort so ‚schöne duschen gäbe‚. die die todes.strafe fordern, sich darüber echauffieren, dass es in gefängnissen wie in luxus.hotels ausschauen würde (aber nie eins von innen gesehen haben), und eindeutig rechtes gedanken.gut damit verteidigen, dasss ich ja nur ‚ein blauäugiger linkslinker gutmensch sei‚.
und wieso interessieren sich jetzt plötzlich alle für obdachlose?
das ist nämlich das haupt.gegen.argument: ‚die einheimischen obdachlosen, die haben nix, und denen sollt ma zerst helfen‚. dass es in österreich genug stellen gibt, die obdachlosen helfen, dass obdachlose dieses leben manchmal sogar absichtlich gewählt haben, dass obdachlose meist arbeiten könnten, wenn sie wollten, das alles interessiert nicht. wer redet denn schon mit einem sandler?
noch vor einem jahr gingen diese leute vermutlich mit gesenktem blick an jenen vorbei, die im park auf bänken nächtigen – und heute bin ich deswegen ein gutmensch.
verkehrte welt.

wo führt das hin?
und: was ist die alternative?
wir alle werden zu ‚bösmenschen‘, interessieren uns nur mehr für uns selbst (wenn überhaupt), und rühren keinen finger – es sei denn, um einen bös.artigen kommentar zu hinterlassen?
ist es cool, sich für nichts mehr zu interessieren, was in der welt passiert?
ich finde ja nicht.
und ich werde die definition vom duden genau so verstehen, wie sie dasteht:
ich bin kein nerv.tötender, naiver, übertrieben korrekter mensch – die anderen empfinden das bloß so.
und ganz ehrlich:

das ist Euer ding, nicht meines.

*

und für all jene, die sich für fakten interessieren:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

wir österreicher/innen sollten mal schön brav den mund halten und uns darum kümmern, dass wir kriegs.flüchtlingen angemessene unterkünfte bieten können. diese zahlen, gepaart mit der aufregung in der bevölkerung, sind zum schämen.
zum schämen, leute!

***
© Denis Junker - Fotolia.com

 

 

 

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