etiketten.schwindel. (#kolumne)

alle menschen sind gleich.

zumindest sollten sie das sein.
oder anders:
zumindest sollten wir versuchen, alle gleich zu behandeln.
egal ob frau oder mann, dick oder dünn, weiß oder nicht.weiß –
wir alle sind menschen, haben die gleichen rechte und die gleichen pflichten, niemand ist besser oder schlechter als andere, niemand erhebt sich aus diesem oder jenem grund über andere.

so stelle ich es mir jedenfalls vor.

die realität ist natürlich eine andere –
denn es ist schwer, alle gleich zu sehen, es ist harte arbeit, keine vorurteile zu haben –
vor allem, weil menschen so oft stolz sind auf das, was sie von anderen unterscheidet, weil sie sich über diese unterschiede definieren und so unwissentlich die kluft, die sich zwischen ihnen und anderen befindet, vergrößern.

etwa in sachen körpergewicht.
gerade in den vergangenen tagen hatte ich mehrmals das vergnügen, mit frauen über gewichtige themen zu diskutieren.
und jedes mal versteh ich danach die welt nicht mehr.
da gibt es nämlich recht oft die meinung, übergewicht sei völlig normal, wunderschön und supersexy – und wehe, man merkt an, dass übergewicht eines der größten probleme der zivilisierten gesellschaft ist, dass schon kinder massiv übergewichtig sind und dass die folgen zu vieler kilos mittlerweile eine der haupt.todesursache in österreich oder deutschland sind.
(hier nachzulesen etwa.)
((und nein, ich rede nicht von ein paar kilos zu viel, von mehr rundungen oder weiblicheren formen – ich schreibe von echtem über.gewicht, das weltweit ein großes problem ist und gerade bei kindern unbedingt vermieden werden sollte. ))

ja natürlich, jede frau soll aussehen, wie sie möchte, wie sie sich wohlfühlt, soll sich so wohlfühlen, wie sie aussieht – und niemand sollte seines gewichts wegen veräppelt werden.
das gilt dann aber bitte.schön schon für alle frauen.

bei diesem thema gibt es nur leider ein problem:
man kann darüber nicht diskutieren.

denn sobald man als dünne frau zu sagen wagt, dass übergewicht im alltag ein großes problem ist, vor allem, wenn es kinder betrifft, um deren wohl wir uns alle sorgen sollten, geht es los mit persönlich.untergriffigen gemeinheiten:
ich sei ja ein magersüchtiger hungerhaken, so wie alle frauen, die nicht zumindest ein paar kilos zuviel auf den rippen haben, mein mann würde mich demnächst sicher mit einer fülligeren frau betrügen, weil männer wollen ja was angreifen, und da bei mir, wie bei allen dünnen frauen, mein busen ja wie ein spiegelei aussieht, kann man(n) ja natürlich nichts angreifen. von wollen reden wir mal gar nicht. außerdem spräche aus mir ja nur der neid, nicht so viele kurven zu haben, und angst natürlich, weil ja mein mann demnächst … na, ihr wisst schon. außerdem definiert sich mein frau.sein ja rein über die anzahl meiner kilos – weniger kilos, weniger frau, ist doch logisch, oder? und nicht zu vergessen: dicke frauen sind liebevoller und gutmütiger, auch das wächst offenbar mit dem umfang der hüften.

wehe, eine sportlich.dünne frau würde so über fülligere frauen sprechen, die reaktionen möchte ich mir gar nicht vorstellen – all diese dinge einer dünnen frau zu sagen, das ist aber völlig ok.
obwohl es dünne frauen gibt, die gern zunehmen würden, dünne frauen, die einfach glück haben und essen können, was sie wollen, dünne frauen, die gern sport betreiben und sich gesund ernähren und deshalb nicht zunehmen – und das leid dünner frauen, die wirklich magersüchtig sind und sich dann diesen mist anhören müssen, möchte ich mir gar nicht vorstellen.

ich käme nie auf die idee, dicken menschen im schwimmbad ungefragt mal so richtig meine meinung zu geigen – auch wenn ich es unverantwortlich finde, einem übergewichtigen kind die nächste leberkäs.semmel zu kaufen. auch wenn ich sehe, wie der werte gatte den angeblich so unweiblichen hungerhaken nachschaut. und auch wenn ich genau weiß, wie schlecht zu viele kilos für den körper sind – und wie anstrengend.
einfach, weil es mich nichts angeht, weil es unhöflich ist – und weil untergriffigkeiten anderen menschen gegenüber einfach absolut daneben sind.
ich möchte meinen kindern ein vor.bild sein – und ihnen vorleben, wie respekt im alltag aussieht, wie ich mir ein friedliches miteinander vorstelle.

und das wirklich verrückte an der sache?
googelt mal #fatspiration oder #fatacceptance – selber nennen sich fülligere frauen nämlich ganz ohne probleme dick, sogar fett. und wundern sich auch noch, wenn ich dann sage: hey, nenn dich doch nicht selber fett, werte dich doch selbst nicht ab!
denn wie sollen andere lernen, das wort fett nicht als schimpf.wort zu benutzen, wenn frau sich dieses etikett selbst umhängt?

und diesen etiketten.schwindel gibt es in allen bereichen des lebens:
unlängst hatte ich eine diskussion mit einem dunkel.häutigen mann, der ständig die angeblich massiven unterschiede zwischen weißen und nicht.weißen menschen hervorhebt, und auf meine frage, ob wir nicht endlich einfach menschen sein können, ohne etiketten, mit einem einfachen no, it is not possible. antwortet.

mag sein, dass es (noch) nicht möglich ist, über die unterschiede hinwegzusehen – aber sollten wir es nicht wenigstens versuchen?
sollten wir nicht unsere kinder lehren, dass wir alle gleich sind, dass es egal ist, wie jemand aussieht, dass ein mensch mehr ist als die anzahl seiner kilos oder die farbe seiner haut?

und dass die art und weise, in der wir von anderen behandelt werden möchte, auch jene art sein muss, wie wir andere behandeln?

denn selbst, wenn ich für mich entschieden habe:
ich möchte bewusst leben, mich gesund ernähren, mich viel bewegen und diesen lebens.stil auch meinen kindern weitergeben
das ist mein weg, den ich keinem anderen aufs auge drücke.
und ich möchte dafür genausowenig häme ernten wie andere für ihren weg – selbst, wenn deren weg für mich der falsche ist.

vielleicht bin ich ein naiver gut.mensch, vielleicht denke ich zu positiv, vielleicht bin ich selbst noch zu viel kind:
aber für mich gibt es da draußen nur menschen.
dicke, dünne, weiße, bunte, kleine, große, kluge und weniger kluge, sportliche und weniger sportliche –
aber es sind menschen!

also hört doch auf, Euch selbst ein etikett umzuhängen und Euch ausschließlich über dieses etikett zu definieren,
denn Ihr seid weder nur dick noch nur schwarz noch nur frau oder mann –
Ihr seid menschen, so wie alle anderen um Euch herum.

***

diese kolumne brennt mir schon lange zeit auf der seele – denn ich bin eine jener frauen, die essen können, was sie wollen, und selbst nach drei schwangerschaften nicht zunehmen.
ich bin aber auch eine jener frauen, die seit ihrer kindheit mit dem etikett magersucht kämpfen, eine jener frauen, die im schwimmbad angemault werden, weil mir bei 35 grad im schatten ein glas wasser besser schmeckt als lau.warmes cola, und eine jener frauen, die mehrmals im jahr hören, mein mann werde mich schon noch mit einer fülligeren rubens.frau betrügen – stichwort spiegel.ei.busen.
mag sein, dass fülligere frauen von dünneren frauen abfällig angeschaut und von männern oft weniger beachtet werden – das kann ich nicht beurteilen.
aber ich weiß, wie es sich anfühlt, als dünner teenager ständig zu hören, man sei flach wie ein brett oder habe kurven wie ein … aso, da sind ja keine kurven, hahaha, wie lustig.

lustig ist anders, das kann ich Euch sagen.

***

© Denis Junker - Fotolia.com

© Denis Junker – Fotolia.com

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3 Kommentare zu “etiketten.schwindel. (#kolumne)

  1. Liebe Syb.♥

    Ganz viele Punkte, die du hier ansprichst, empfinde ich genauso. Und ich finde es einfach nur furchtbar. Bodyshaming wird meist nur verdammt, wenn es sich gegen dicke Menschen/Frauen richtet. Wird man als dünne Frau, als Hungerhaken, als magersüchtig – ja sogar als „Biafra-Kind“ bezeichnet, wird einem jegliche Weiblichkeit abgesprochen, weil man kleine Brüste und nicht die rundesten Hüften hat – dann schreit niemand auf. Ich habe solche Diskussionen auf FB aufgegeben. Denn Menschen, die alles übergeneralisieren, die nur in schwarz und weiß denken, für die ist mir meine Zeit zu schade.

    Scheinbar finden es viele Menschen okay, die einen aufzuwerten, indem sie andere schlecht machen. Wie oft habe ich schon gehört/gelesen: „Eine Frau braucht Kurven. Hunde spielen mit Knochen, aber Männer brauchen was zum Anpacken.“

    An der Aussage ist so viel falsch, dass ich meist gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. (1) Ist doch okay, wenn man mollige/dicke Frauen sexy findet. Das finde ich auch gut. Aber dünnen Frauen zugleich ihre Weiblichkeit abzusprechen – wegen der Zahl auf der Waage? Ernsthaft? Definieren wir Weiblichkeit jetzt über Gewicht? (2) Gibt es einen – wie du ja auch anmerkst – RIESENGROSSEN Unterschied zwischen ein bisserl Übergewicht und Adipositas … (3) Da wird Toleranz und Akzeptanz verlangt – und oft wird aber so wenig davon selbst gelebt. (4) Dass dann auch noch unterstellt wird, Männer hätten einen universalen Geschmack, der natüüürlich Kurven präferieren würde – naja, damit tut man nicht nur den ach so knochigen Frauen, sondern auch den Männern unrecht.

    Alles an diesen Diskussionen ist so platt und dumm, alles läuft nur darauf hinaus, Leute in Schubladen zu packen, die man zuvor erfunden hat.
    Du bist dünn? Dann gehörst du in die Schublade: UNWEIBLICH. Du bist dick? Dann stell dich doch bitte in die Schlange der UNSPORTLICHEN. Es ist so furchtbar sinnlos. Ich will mich in keine Schublade stecken lassen und auch keine anderen Frauen in solche stecken. Ich bin FRAU. Vollkommen unabhängig von meinem Gewicht und dem Fehlen von scheinbar essentiellen Kurven. Wer meint, mir meine Weiblichkeit absprechen zu müssen, um sich selbst besser zu fühlen, verdient meine Aufmerksamkeit nicht. Wie gesagt, ich habe resigniert. Ich verfahre nach dem Motto: Leben und leben lassen und erwarte mir, dass auch mir gegenüber so gehandelt wird. Wer das nicht tut, ist mir schlicht und ergreifend zu doof.

    Danke dir für diesen wichtigen Artikel. Ich hoffe, dass ganz ganz viele Frauen – egal, ob sie nun 50 oder 90 Kilo wiegen – ihn lesen werden und ihre Toleranz gegenüber anderen Frauen ein bisschen reflektieren.

    Nana

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