Liebe geht durch den Magen | Verena Grabenhofer

Schon zehn vor sechs!
Ich muss noch ganz schnell zu Maria in den Bioladen, um grünen Salat und Hirse zu besorgen. Für heute Abend um acht habe ich Margarethe und Toni eingeladen, die stehen auf Bio-Essen aus der Region. Da darf nichts schiefgehen, denn ihre Zwillinge, David und Samuel, sind meine Schüler.
„Jetzt in den Ferien sind sie bei der Oma“, hat mir Margarethe erzählt. Da hätten sie und Toni Zeit für einen geselligen Abend mit Freunden.
Margarethe ist als Gesundheitsdozentin über die Grenzen unseres Ortes hinaus berühmt: kein Fleisch, keine Milchprodukte, kein Zucker, niemals Fertigprodukte, stattdessen Getreide in allen Aggregatzuständen und Rohkost in sämtlichen Farben. McDonald’s ist ihr Lieblingsfeind. Wenn Margarethe von den schädlichen Langzeitfolgen der durch unsere Zivilisationskost verursachten Mangelernährung referiert, nickt Toni ernst und isst hingebungsvoll alles, was man ihm vorsetzt. Das tut er allerdings auch dann, wenn er mit meinem Mann abends zum Holzer-Wirt geht, der als besondere (und einzige) Spezialität des Hauses eine heimische Schlachtplatte vom Schwein mit dazugehörigem Obstler anbietet.

Ich stelle meinen Wagen in der Eile etwas zu schräg am Straßenrand gegenüber dem Bioladen ab und stürze hektisch ins Geschäft. Hier riecht es immer wie in einem vegetarischen Schlaraffenland: frisch, pflanzlich und gesund. „Hi Verena“, begrüßt mich Maria strahlend. An der Käsetheke steht eine Dame, eingepackt in einen naturreinen Lodenmantel und bedeckt mit einem großen grünen Filzhut samt seitlich wippender Fasanenfeder. Sonst ist niemand mehr im Laden. Da komme ich gleich dran, stelle ich beruhigt fest.
Ich schnappe mir aus der Gemüsekühlung einen knackigen Kopf Eichblattsalat. Ein Kilo inländischer Goldhirse fällt wie von selbst aus dem blank gescheuerten Vollholzregal in meinen ungeduldigen Arm, und schon stehe ich an der Kasse, gleich neben der Käsetheke.

„Was darf ich Ihnen denn sonst noch Gutes einpacken, Frau Bauernfeind?“, lächelt Maria die Dame vor mir an.
„Ist der Roquefort frisch?“ Frau Bauernfeind wirft einen prüfenden Blick über den
Rand ihrer goldenen Gleitsichtbrille auf den edlen Käse.
„Heute frisch angeschnitten, Frau Bauernfeind“, lächelt Maria.
„Dann geben Sie mir doch fünf Dekagramm, aber packen Sie ihn gut ein.“
Maria nickt freundlich: „Gerne, Frau Bauernfeind.“

Lächelnd lässt sie vorsichtig und ganz langsam das schmale Weichkäsemesser in den Roquefort gleiten.
Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Vor meinem inneren Auge schweben Birnen und Walnüsse mit Vogerlsalat zum Roquefort auf den Teller. „Aber Käse verstopft die Arterien“, erklärt Margarethe immer, und deshalb gibt es heute Abend bei mir Gemüsesuppe mit Dinkelnudeln und dann – ohne Ei, denn Eier erhöhen ja den Cholesterinspiegel.
Ich sehe auf die Uhr und räuspere mich scheu. Es ist fünf vor sechs und ich spüre kleine ungeduldige Bläschen in mir hochsteigen.
Frau Bauernfeind nimmt würdevoll den Roquefort in Empfang und lässt suchend ihre Augen durch die Scheibe der appetitlichen Käsetheke wandern. Ihr Einkaufskorb ist bereits proppenvoll mit Gemüse, Fruchtjoghurt, Freilandeiern, veganen Gummibärchen, Schokoriegeln, alles Bio.

„Haben Sie noch einen Wunsch, Frau Bauernfeind?“ Lächelnd wischt Maria das Weichkäsemesser blank.
„Ach ja, der Bergkäse dort, wo kommt denn der her?“ Frau Bauernfeind deutet auf ein riesiges goldgelbes Käserad.
„Aus Tirol, Frau Bauernfeind.“
„Aus Tirol, hm, hm. Ist der laktosefrei?“
„Selbstverständlich, Frau Bauernfeind, der ist vier Monate gereift.“
„Ach, und wie schmeckt der?“
„Ein würziger Tiroler, Frau Bauernfeind, den müssen Sie probieren!“
Maria wuchtet lächelnd den schweren Käselaib in die Höhe und greift zu einem gigantischen Messer mit zwei Griffen. Unter Einsatz ihres Körpergewichts teilt sie das Käseungeheuer in zwei Hälften. Dann reicht sie Frau Bauernfeind ein dünnes Scheibchen des prallen Tirolers zum Kosten. Frau Bauernfeind schließt die Augen, schnuppert andächtig und schiebt sich den leckeren Happen auf die Zunge.
„Na, dann geben Sie mir halt ein kleines Stückchen“, erlaubt sie Maria kauend. Die Fasanenfeder nickt bestätigend.

Draußen schlägt die Kirchturmuhr sechsmal. Ich trete vom rechten Standbein auf das linke. Die Hirse muss zwanzig Minuten kochen, und der Auflauf braucht dann noch mindestens eine halbe Stunde im Rohr. Inzwischen muss ich die Suppe zaubern. Nervös zupfe ich an den Blättchen meines Eichblattsalates. Kann die Tante sich vielleicht ein bisschen sputen?

„Was darf es sonst noch sein, Frau Bauernfeind?“ Marias Lächeln muss angeboren sein.
„Der Rinderschinken sieht auch gut aus. Können Sie mir von dem zwanzig Deka dünn aufschneiden?“
„Aber natürlich gerne, Frau Bauernfeind.“ Maria stülpt sich flink die hauchdünnen Plastikhandschuhe über, und schon radelt sie lächelnd Blättchen für Blättchen des saftigen, tiefroten Schinkens hauchdünn aufs Papier.
Tja, das dauert!

Während der herzhafte Schinkenduft meine Sinne betört, denke ich an das Dessert meines heutigen abendlichen Festmahls. Es gibt Getreidekaffee mit Hafermilch zum – Gott sei gedankt für meine umsichtige Vorausplanung – gestern gebackenen, mit Honig gesüßten Vollkornkuchen.
Trotzdem sehe ich eine dicke rote Panikattacke langsam auf mich zurollen. Bei dem Versuch, ruhig durchzuatmen, platze ich fast. Ich probiere es nochmals mit dem Trick des Räusperns, diesmal lauter und bestimmter.
Da dreht sich die Dame um und ich sehe ihr erstmals ins Gesicht.

„Ja, wissen Sie“, sagt sie mit entschuldigender Miene. „Ich kaufe heute viel mehr ein als sonst. Wir haben nämlich jetzt zwei Mäuler mehr zu stopfen.“
„Ach ja?“, antworte ich gereizt und will jetzt wirklich keine Geschichten hören. Ich schiele auf meine Uhr, aber die droht mir: 15 Minuten nach sechs!
„Ja,“ verrät sie mir verheißungsvoll, „seit gestern sind meine Enkel bei uns auf Besuch. Sie mögen es so gerne, wenn die Oma für sie kocht. Natürlich kaufe ich nur gesunde Sachen für die Buben, die sind ja noch im Wachstum.“
Jetzt werde ich doch etwas hellhörig. „Wie heißen denn Ihre Enkelkinder?“, frage ich interessiert.
„David und Samuel“, sagt Frau Bauernfeind und lächelt selig.
„Ach, wie nett“, murmle ich verständnisvoll und sehe gerade noch, wie sich eine Politesse mit kleinem Block von meinem schief geparkten Auto entfernt.
Aber eine Einladung meiner Freunde lasse ich mir selbstverständlich etwas kosten.

* * *

Dieser Text entstand in der Schreibwerkstatt 2019.
Danke dafür!

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