das wahre #leben (3). (#prosa)

stille überall. 
draußen vor den fenstern der wohnung regiert die dunkelheit –
und auch in der wohnung ist es finstere nacht.

sie konnte nicht anders, sie konnte den dunklen balkon nicht verlassen, kein licht in der wohnung anmachen –
denn in ihr ist es schwarz, kalt, kein licht.strahl erhellt die dunkelheit ihrer gefühle, sie fühlt sich grau und immer grauer, mit jeder minute, die verstreicht, mit jeder minute, in der sie denkt, denken muss … und es doch nicht will. Weiterlesen

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das wahre #leben (2). (#prosa)

die haus.arbeit ruft.
staub.saugen, wäsche.waschen, fenster.putzen – das übliche eben.
niemand macht es gern, jeder muss es tun.
wert.erhalt, nennt es ihre mutter – damit man auch später noch was hat von der wohnung.
nervig – nennt sie es, auch wenn man später noch was hat von der wohnung.
also sucht sie miss.mutig lappen und eimer, schnappt sich eine zeitung (für die fenster, alter trick ihrer oma) und das allzweck.putzmittel –
und legt los. Weiterlesen

das wahre leben (1). (#idee)

früh.morgens.
ein leiser, zwitschernder ton kommt vom nacht.kästchen.
war über nacht das fenster offen? hat sich etwa ein vogel ins schlaf.zimmer verirrt?
zusammengekniffene augen, tastende finger, ein leises fluchen –
wo ist das verdammte handy?

dann –
ein druck auf eine taste, das telefon verstummt, sie schließt ihre augen.
ruhe kehrt wieder ein im schlaf.zimmer.
aber nur äußerlich –
innerlich ist sie wach, kann nicht mehr schlafen, eine unruhe hat sie gepackt, die sie nicht mehr loslässt, diese eine un.ruhe, voller angst, etwas zu versäumen.
warum hat das telefon geläutet, es muss etwas passiert sein, irgendwo auf der welt, wie soll sie bitte.schön weiterschlafen, wenn sie nicht weiß, was los ist, sie will ja immer auf dem neuesten stand sein, nachrichten zu lesen ist doch so wichtig, sagt ihre oma immer, aber doch nicht morgens um 5:42, oder?, doch, gerade dann, ihr schönheits.schlaf kann warten, immer auf dem neuesten stand zu sein jedoch kann nicht warten.
genervt öffnet sie wieder die augen.
dreht sich langsam auf den rücken, nimmt das smart.phone in die hand, macht ohne hinzusehen ein paar geübte wisch.bewegungen und öffnet eine app.
das blaue vögelchen des kurz.nachrichten.dienstes empfängt sie, mit einem leisen zwitschern werden die neuesten informationen aus der welt jenseits ihres schlaf.zimmers geladen.
@itsme9876 war heute schon auf der toilette, @deralltagskotzer012 könnte schon wieder kotzen, @1koffeinsüchtigefrau trinkt kaffee (nicht ihren ersten heute), und der @mannamabgrund123xy mag noch immer keine assilanten.
gut zu wissen, einerseits, und kaffee würde ihr jetzt auch schmecken, andererseits.

was gibt es sonst noch neues? das lässt ihr keine ruhe.
ein schneller klick auf das blaue f, schon taucht sie ein in die welt der neuigkeiten.
freundin j macht ihre kinder gerade bereit für den kinder.garten, nachbar w konnte heute nacht nicht schlafen (lag wohl an den intergalaktischen schwingungen, die sein alpha.zentauri.bruder.im.geiste ihm sandte), die bekannte aus dem bauch.tanz.kurs hat schnupfen und nimmt deshalb in dreizehn.minütigen abständen je sieben globuli (die neuesten am markt, muss man einfach haben), und ihre ex war wohl wieder auf einer wilden party – na, die hat’s wohl nötig.

ein kurzer anflug von melancholie ergreift sie, weht längst verdrängte erinnerungen vor sich her wie vergilbten staub und legt sich so schnell, wie er gekommen ist, wieder über ihre noch müden gedanken.
lieber aufstehen. kaffee trinken.
wie ist denn heute das wetter eigentlich? reicht zum aufstehen der dünne morgen.mantel?
einmal wischen, einmal klicken, die wetter.app geht auf.
offenbar ist es heute kalt, höchstens fünf grad, mit verdacht auf schneefall in der nacht.
mist.
auch das noch.
dann doch lieber liegen bleiben.

schnell noch eine message an die welt da draußen:
@zwitscherhännä müde bin ich geh zur ruh #schonwieder

könnt ja jemanden interessieren, was sie so macht –
um 5:57.

***

(weiter.lesen.)

kerze im fenster. (2)

denn die musik, die er heute aus dem zweiten zimmer auf der rechten seite hört, ist eine andere.
genauso leise, genauso rhythmisch –
aber trotzdem anders.

er legt seine kribbelnden finger auf die türklinke, drückt sie leise hinunter und öffnet die tür ins dunkle zimmer. die musik wird ein wenig lauter, er riecht ein parfum.
aber auch das ist ein anderes als an den vorherigen donnerstagen.
noch bevor er die tür ganz geschlossen hat, beginnt er, seinen gürtel zu öffnen.
zwei schritte weiter lässt er die hose an den beinen entlang nach unten rutschen und schüttelt sie ab.
drei schritte weiter fällt das shirt.
einen schritt weiter die boxershorts.

dann ist er am bett angekommen – so wie jeden donnerstag.
er kann nur umrisse erkennen, eine dunkle silhouette liegt auf dem bett, doch im widerschein der kleinen kerze erkennt er kaum mehr als das.
muss er auch nicht –
er weiß, was ihn erwartet.

so wie jeden donnerstag in den vielen monaten zuvor geht er rund um das bett, hebt die leichte decke und schlüpft darunter. wärme empfängt ihn, er kann einen körper neben sich spüren, einen körper, der leicht zurückweicht, als er sich nackt an ihn schmiegt. doch auch das kennt er, er lässt sich nicht abhalten, rückt näher, umfängt den anderen körper, fühlt ihn –
und schließt die augen.

***

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eine liebes.geschichte – aber anders. (#liebe)

eine liebes.geschichte schreiben.
kann ich das überhaupt?
schmetterlinge im bauch und rosa.rote brille?
rosen.blätter am boden und schwülstiger smooth jazz?

nein.
das kann ich nicht schreiben.
und das will ich auch gar nicht.
denn liebe ist nicht immer rosa.rot und schmetterlinge und schmachten und michael bolton.
liebe kann auch anders.
und liebe soll anders.

ich wage es, greife tief in meine ideen.schublade und hole eine idee hervor, die ich schon vor einiger zeit hatte – deren umsetzung ich aber immer fürchtete.
warum eigentlich?

denn:
liebe muss nicht.
liebe kann.

***

kerze im fenster. (1)

kerze im fenster. (1)

so wie jeden donnerstag steht er unter dem fenster und blickt nach oben.
so wie jeden donnerstag zählt er die fenster, kontrolliert, ob es auch wirklich das dritte von links im ersten stock ist.
so wie jeden donnerstag brennt genau dort, im dritten fenster von links im ersten stock, die kleine kerze.
meistens  eine rote –
an diesem donnerstag aber eine weiße.

und so wie jeden donnerstag steht er einen kleinen augenblick ganz still da unten, sieht nach oben, verliert sich in der flamme, ehe er die tür öffnet und in den dunklen hausflur tritt.

wenn dann die tür hinter ihm ins schloss fällt, wenn ihn der muffige geruch im flur in der nase kitzelt, auch dann hält er noch einmal inne, genießt die vorfreude, geht dann zur treppe und hinauf in den ersten stock.

dort, die tür mit dem kleinen blumenaufkleber.
er öffnet sie, ohne zu läuten, wie jeden donnerstag.
er hängt seine jacke an den kleiderständer, an den er sie jeden donnerstag hängt.
und so wie jeden donnerstag hört er schon die leise musik aus dem zweiten zimmer auf der rechten seite, neben dem bad.
leise, rhythmisch, immer die gleiche, nie eine andere.

und obwohl er das alles schon seit monaten kennt, erregt es ihn jedes mal aufs neue.
und jedes mal verstärkt sich diese erregung, er entdeckt neue feinheiten, kleine details, die er an den donnerstagen zuvor noch nicht entdeckt hatte.

so auch dieses mal.

***

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bade.wanne. (#komplett)

das wasser ist überall.
ebenso die dunkelheit.
und die kälte.

am schlimmsten aber ist die vollkommene orientierungslosigkeit, das völlige fehlen von gestern und heute.
an das kalte wasser habe ich mich schon gewöhnt, gezwungenermaßen, auch an das gefühl, meine haut wäre ein alter waschlappen, der sich langsam ablöst und zersetzt.

doch die ungewissheit, wann diese klappe wieder geöffnet wird, wann ich endlich den lichtstrahl wieder erkennen kann, der mich blendet, den ich aber versuche festzuhalten in meiner erinnerung – diese ungewissheit macht mich verrückt.

bloß nicht loslassen, halt es fest!
schreit mein herz, denn es kann eine kleine ewigkeit vergehen, bevor der lichtstrahl erneut hoffnung auf ein ende meiner qual macht.
hoffen, warten, sekunden zählen –
oder zähle ich schon stunden?
vielleicht tage?

manchmal zittere ich noch, aber nur ein wenig, denn zuviel zittern lässt das wasser wellen schlagen, ganz kleine nur, doch das geräusch der sich brechenden wellen hallt so lange nach, als wolle es nie wieder aufhören.

und die stille ist wichtig, die stille darf ich nicht durchbrechen, ich muss doch auf die schritte hören, ich darf sie nicht verpassen!
diese schritte, die kurzes licht bringen, auch kleine speisen, naschereien manchmal, und ganz selten einen schluck selbst gemachten eistee – und die dann wieder verhallen, bis ich sie nur noch in der erinnerung höre, während ich wieder versuche, das wasser, die kälte und die dunkelheit zu vergessen, und an schönere tage denke, an denen ich mir den eistee noch selber hatte einschenken können.

***

einatmen.
ausatmen.
einatmen.
ausatmen.

und – ein wenig wärme in den rechten kleinen zeh denken.
wärme.
rechter kleiner zeh.
einatmen.
wärme.
rechter kleiner zeh.
ausatmen.
einatmen.

es wirkt schon, es wirkt, ah, der rechte kleine zeh, ich spüre ihn wieder, aber bewegen kann ich ihn noch immer nicht, ich muss an mehr wärme denken.

mehr wärme.
rechter kleiner zeh.
mehr wärme.
rechter kleiner zeh,

MEHR WÄRME, VERDAMMT, IN DEN RECHTEN KLEINEN ZEH,
SOFORT!

pscht.
pscht!

nicht so laut denken.
sonst hör ich sie nicht, die schritte, wenn sie kommen, und dann erschreck ich mich so vor dem licht, viel zuviel licht kommt durch diese klappe, die klappe beschützt mich vor dem licht, dunkel ist besser, viel besser, dunkel beschützt mich und macht mich blind, ich will gar nicht sehen, was mich umgibt, alles grauenhaft, alles dreckig, alles kalt.

ruhig bleiben, tief einatmen, ausatmen.
vor mir selbst ekle ich mich, am meisten vor mir selbst, ja, aber ich ekle mich auch vor dem wasser, das wasser ist so kalt und so ekelhaft und so unglaublich kalt –
doch vor allem ist das wasser ekelhaft, nicht daran denken, bloß nicht daran denken, was ich mit dem wasser machen muss, ich kann nichts riechen, ich kann gar nichts riechen, ich muss

ausatmen,
dann kann ich nichts riechen.

nur ausatmen.

und einatmen,
durch den mund einatmen, nichts riechen.
und an etwas anderes denken.
an selbst gemachten eistee, vielleicht.

*

so kalt.

das wasser ist so kalt, ich fühl mich erfroren, in einen eisblock eingefroren, ich bin ein eisklumpen und treibe auf dem meer, ich kann mich nicht bewegen,

VERDAMMT, ICH KANN MICH NICHT BEWEGEN!

ich muss raus hier, endlich raus, ich kann es einfach nicht mehr ertragen, das wasser und die dunkelheit und die kälte und den geruch, der geruch ist es, was ich am meisten verabscheue, ich hasse den geruch hier, ich will das wasser gar nicht sehen, es sieht furchtbar aus, ich kann das wasser hier auch gar nicht sehen, es ist so dunkel, kein licht dringt herein zu mir, da muss ich das wasser nicht ansehen, sind da wieder die schritte?

bitte bitte bitte, lieber gott, lass da schritte sein, bitte, lieber gott, mach, dass die klappe kurz aufgeht, nur kurz, ich brauche frische luft, ich will einatmen, durch die nase einatmen, ich habe hunger, ich habe durst, verdammt, ich habe so großen durst, bald trinke ich einen schluck wasser, das wasser ist so ekelhaft, es stinkt, aber ich habe durst, ich kann nicht mehr, ich muss trinken, trinken, bevor ich ertrinke, aber nein, da waren keine schritte, ich bin allein, immer noch allein, ich muss trinken, mein hals tut so weh, bitte, bitte, nur einen schluck wasser, einmal, da kam eistee durch die klappe, der war selbst gemacht, so lecker war der, mhmmm, zitrone war drin und pfefferminze und honig und ich darf nicht durch die nase einatmen, nein, nicht übergeben, bloß nicht, ich muss mich zusammenreißen, ich darf nicht zittern, wenn ich zittere, merke ich, wie kalt das wasser ist, unbewegt liegen, auf die schritte warten, vielleicht kommen sie wieder, ich kann schon den eistee schmecken, pfirsich diesmal, mit ingwer, mhmmm, frische luft aus der klappe und das lied, das geht mir nicht aus dem kopf, diese worte, oh help me jesus, come through the storm, ja komm, herr jesus christ, komm durch den sturm, hol mich ab und bring mich heim, aber wie geht das lied weiter, through the storm, I had to lose her, to do her harm, i heard her holler, was ist holler denn für ein wort, ja, ich brülle auch, ganz laut, ich brülle, aber mich hört keiner, es ist niemand da, aber ich kann jemanden hören, ich kann sie hören, I heard her holler, I heard her moan, my lovely daughter, I took her home, wer wird mich heimbringen, heimbringen, wer wird mich erlösen, wenn ich laut schreie und brülle, herr jesus, komm und hol mich, sonst muss ich schreien!

*

ich glaube, in der nacht waren die schritte wieder da, das wasser ist viel wärmer, es fühlt sich nicht mehr so eisig an, es ist warm, ich fühle die wärme, ich fühle wieder meinen rechten kleinen zeh, den linken auch, und ich kann meine finger wieder bewegen, aber mein po tut weh, ich kann ihn nicht mehr fühlen, habe ich überhaupt noch einen po oder ist der schon abgefallen, weggeschwemmt, ich liege schon so lange auf meinem po, ich könnte mich auch auf den bauch drehen, aber dann schwappt wieder wasser in meinen mund, ich hasse dieses wasser, es stinkt und ich werde mich übergeben müssen und dann wird das wasser immer ekelhafter und ich muss mich immer öfter übergeben, nein, ich bleibe am rücken liegen und denke an die klappe und fühle die neue wärme, I lost my heart under the bridge to that little girl, so much to me, ich werde singen, ganz laut, ich werde vergessen, dass das wasser stinkt, and now I moan, and now I holler, she´ll never know, just what I found, vielleicht finde ich auch ein kleines mädchen, vielleicht kann ich einmal noch eine brücke sehen, vielleicht kommt der eistee wieder, pfirsicheistee mit ingwer, bitte pfirsicheistee mit ingwer, und vielleicht auch frische luft, das wasser stinkt so, ich darf nicht daran denken, was ich mit dem wasser mache, machen muss, wann war ich das letzte mal auf einer richtigen toilette, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie sich so eine toilette anfühlt, verdammt, ich will auf ein klo!, ich will endlich wieder auf ein klo, ein richtiges klo, ich will mich auf eine klobrille setzen und mich von aller last befreien, ich will endlich wieder pfirsicheistee trinken, und ich will licht und sonne und sauberes wasser und ich muss jetzt ein bisschen schlafen, nicht aufregen, nicht aufregen, das wasser schwappt sonst über und dann kommen die schritte und dann gibt es keinen eistee und kein licht, dann gibt es nie mehr –

nicht aufregen.
nicht aufregen jetzt, ich darf das wasser nicht verschütten, sonst klingen die schritte böse, so böse, ich muss endlich einschlafen und mich beruhigen.

einatmen!
ausatmen.
einatmen!
ausatmen.

*

that blue eyed girl, she said ’no more‘, that blue eyed girl became blue eyed whore, down by the water I took her hand, just like my daughter, I’ll see her again, wann werde ich meine tochter wiedersehen, wo ist meine tochter, was macht sie, hat sie denn auch einen namen?

*

ich glaube, heute war die klappe wieder offen, es muss so sein, ich glaube, dass mir warm ist.
kuschelig warm, überall.
und meine gedanken sind heute so träge, vielleicht habe ich im schlaf etwas zu essen bekommen. vielleicht sogar pfirsicheistee. nein, kein pfirsicheistee, den würde ich schmecken, noch immer, und ich glaube nicht, dass ich schlafend trinken kann, aber ich habe es auch noch nie ausprobiert.
ob ich es ausprobieren sollte, irgendwann?

meine gedanken sind heute so langsam, ich kann sie nicht fassen, da und weg, da und gleich wieder weg, so wie ich, so wie das licht, der pfirsicheistee, die wellen, die klappe, die schritte, bin ich da, bin ich weg, wo bin ich?

moment, moment, nicht so schnell, langsam denken, langsam, ganz langsam, wo bin ich?

wo

bin

ich?

ich bin

down by the water, nein, down in the water, ich werde ihre hand nehmen, oder ist es seine hand, ich werde sie wieder sehen, ihn, aber ich will nicht!, ich will ihn nie wieder sehen, nie wieder, ich will, dass er diese klappe nie wieder öffnet und nie mehr kommt und dass er mich in ruhe lässt und den eistee einer anderen gibt und das licht und das lied und ich will weg und ich kann nicht, ich kann nicht weg, oh help me jesus, bitte, irgendwo musst du doch sein, herr jesus christ, ich ertrage das alles, da musst du  doch irgendwo sein, ich gehe hier unter, ich ertrinke, ich will auch ertrinken, aber ich habe angst, tut sterben weh?

*

ja!

ja doch, hör auf, lass mich in ruhe, ich weiß, ich habe versagt, ich weiß aber nicht genau, warum, worin, ich habe jemanden verlassen, aber wer war es, mein sohn, meine tochter, warst du es?

was?

warum sagst du so etwas, das ist nicht wahr!
ich habe noch keinen schluck wasser getrunken, keinen einzigen, und ich werde es auch nicht so weit kommen lassen, niemals, egal wie durstig ich sein werde, ich werde dieses wasser nicht trinken, es ist mir egal, was du sagst, ich höre dir nicht mehr zu, ich werde laut singen, dann kann ich dich nicht mehr hören, I lost my heart under the bridge, nein, hör auf, aus, ich will es nicht hören, I lost my heart to that little girl, nein, du bist nicht dieses kleine mädchen, ich habe keine ahnung, wer du bist, ich will, dass du weggehst, geh weg, hau ab, lass mich allein,

verschwinde!

hallo?
hallo?

hallo-o?

ich bin wieder allein, keiner ist hier, ich bin allein, oh bitte herr jesus, come through the storm, I had to lose me, to do me harm.

hallo, bist du also wieder da?
wo warst du, was hast du gemacht?

du musstest nachforschen? warum nachforschen, was hast du denn erforschen müssen, was kann so wichtig sein, dass du mich allein lässt dafür?

was?
du weißt jetzt, wo ich bin, warum über mir diese klappe ist und warum das wasser so eisig ist, du weißt das alles, aber sagst es mir nicht?

nein, ich will nicht raten, ich kann nicht raten, mir läuft die zeit davon, ich muss das wissen, ich kann doch nicht für immer hier drinnen sein, und am ende weiß ich nicht einmal, warum, los, sag es mir, sofort, ich will es wissen, bitte, sag es mir doch, ich werde alles tun, was du verlangst, ich flehe dich an, alles werde ich machen!

nein!
nein, das kann ich nicht, niemals, du willst mich töten, das ist es was du willst, du willst mich vergiften!, ich kann keinen schluck wasser trinken, verdammt, wie soll ich das machen, ich habe so oft daran gedacht, so oft, wenn ich durst habe, nein, ich liege  ganz still, bewege mich nicht, vergesse die kälte und den durst, ich spüre keine wellen und sehe keine dunkelheit mehr, ich liege nur hier und werde keinen schluck wasser trinken, das kannst du nicht von mir verlangen, niemals!

glaubst du, ich weiß nicht, was du vorhast? ich weiß es ganz genau, oh ja, aber ich werde es nicht laut aussprechen, ich werde hier zerfließen und zergehen und meiner haut zusehen, wie sie sich auflöst, und dann werde ich hier liegen, ein totes stück fleisch, und keiner wird je erfahren, dass ich wasser trinken wollte, schmutziges wasser, dass ich dieses wasser trinken wollte, das verunreinigt ist, dass ich –
aus jetzt!
aus!

lass

mich

in

ruhe!
verschwinde!

ich brauche dich nicht, ich brauche niemanden mehr, ich kann sehr gut auch alleine sterben, das muss mir niemand abnehmen, sicher nicht.

*

ist da jemand?

hallo?
bist du da?

ich glaube, ich bin allein, schon wieder noch immer allein.
keine schritte.
keine musik.
dabei fühle ich mich so klar heute. meine gedanken drehen sich nicht mehr im kreis. ich kann auch das wasser nicht mehr riechen. bin ich denn überhaupt noch im wasser, vielleicht war das alles nur ein traum.

über mir ist licht, oh mein gott, ich sehe eine lampe über mir, aber sie wirkt so verschwommen, bin ich denn unter wasser, ich glaube, ich sehe wellen, wellen, ich kann sie hören, sie erzählen mir soviel, ja, kommt her meine lieben, ich höre euch zu!

sie werden mir helfen, so schön sind ihre geschichten, sie erzählen von sommertagen und pfirsicheistee, von sonnenstrahlen, wind und meer, ach, wie lang war ich schon nicht mehr im meer, salzkrusten auf meinen lippen, herrlich.

war das der schrei einer möwe? ich glaube fast, das war der schrei einer möwe, ich bin am meer, wie wunderbar, am meer, er hat mich befreit, ja!

ich bin frei, ich kann das

*

salz fühlen, es macht eine kruste auf meiner haut, lässt sie angespannt sein, wie lange durfte meine haut nicht mehr angespannt sein, das salz tut meiner haut so gut, sie ist wieder voller leben, ich spüre sie, wie konnte ich nur vergessen, wie sich meine eigene haut anfühlt, das gefühl umfasst zu werden, zusammengehalten, beschützt, er hat mich errettet, er hat die klappe geöffnet, mich herausgehoben und hin zum meer getragen, die sonne blendet mich, ich muss meine augen schließen, damit ich die sonne fühle, damit mich die sonne nicht blendet, mit geschlossenen augen kann ich das salz besser fühlen, ich fühle es, ich höre das lied der möwen, sie singen für mich, I lost my heart under the bridge, ich spüre die wellen, ich bin endlich befreit, der himmel scheint heute so nah, doch er drückt mich ein wenig hinunter, er scheint näher zu kommen, dem himmel so nah, es ist wunderbar, ich möchte den himmel berühren, die wolken liebkosen, ich stoße an, verdammt, ich kann mir doch nicht am himmel den kopf anstoßen, das kann doch gar nicht sein, nein, das darf nicht sein, nicht sein, bitte, nicht sein, nicht sein, so will ich nicht sein!

*

schritte.
schnelle schritte.
sie laufen vor mir davon.

und wo sind meine wellen?

ich kann meine wellen nicht mehr hören, sie reden nicht mehr mit mir, habe ich etwas falsch gemacht? ich liege immer still hier, ich bewege mich nie, ich schreie nie, ich berühre auch nie die klappe, den deckel, ich fasse ihn nicht an, dann ist es vielleicht nicht wahr, vielleicht ist der deckel dann nicht da, ich habe nur einmal an den deckel gefasst, nur einmal, er ist so hart, ganz hart ist er, und kalt, ich habe mir einen schiefer eingezogen, ich glaube, es hat sich entzündet, es tut so weh, das wasser ist so schmutzig und es hat die wunde entzündet, ich kann es nicht sehen, aber ich kann es riechen, ich rieche den eiter, der aus der wunde fließt, er vermischt sich mit dem wasser, und ich habe so großen durst.

was sagst du?
ja, ich bin einsam, natürlich bin ich einsam, ich bin allein, ganz allein hier, ich bin so allein, allein mit dem deckel und dem wasser und dem eiter und ich werde nie wieder den deckel anfassen, das verspreche ich dir!
werde ich denn überhaupt noch einmal irgendetwas anfassen, was meinst du? etwas anderes als das wasser und den deckel?

nein, du hast recht, den deckel greif ich nicht mehr an, ich glaube, der deckel, er ist ich, ich bin der deckel, ich drücke mich selbst immer weiter hinunter, ich bin schuld, oh ja, ich bin einfach nur selber schuld, du hast so recht!
ich bin ein dämliches miststück, wie du es mir gesagt hast, immer und immer wieder, ein dämliches miststück, das sich selbst hinunter drückt, ganz tief hinein in das wasser, das schmutzige wasser, wasser ohne fische, little fish, big fish, swimming in the water, es gibt keine fische hier, nein, schon lange nicht mehr, und es gibt keine tochter, oder?
du hast gesagt, ich habe eine, aber ich habe keine tochter, verdammt, das würde ich doch wissen, sowas vergisst man doch nicht, und trotzdem habe ich es vergessen, ich weiß nicht, was habe ich?
habe ich mehr als das hier?

*

aus.
ja, aus.
ende.
ich mache es.
ich beende das alles hier.
jetzt.

nein!
ich darf nicht über so etwas nachdenken!

ich werde nicht darüber nachdenken.
ich muss auch nicht mehr darüber nachdenken.
ich muss gar nichts mehr machen –
nur das eine, sonst nichts.
ja, das muss ich machen, es bleibt mir nichts anderes mehr zu tun.

keine trauer bitte –
wer wird mich schon vermissen? ich habe niemanden und ich bin niemand.
ich zerfließe –
aber das habe ich schon immer gewusst, tief im herzen wußte ich:
am ende werde ich zerfließen.

finde dich selbst, erkenne dich, und nimm dein leben in die hand,
das sagte schon mein vater immer.
das werde ich tun.
jetzt.

aus.
ja, aus,
ende.
ich mache es.
ich nehme mein leben in die hand, ich mache das, was ich schon vor langer zeit hätte machen müssen:
ich werde untertauchen.

ich werde meinen mund öffnen
und
ich werde einen großen schluck nehmen.
und noch einen.
noch viele.
ja, genau das werde ich machen.

los jetzt,
los!
ich mache es,
jetzt.

drei.

zwei.

eins.

***

das wasser war überall.
ebenso die dunkelheit.
und die kälte.

am schlimmsten aber war die vollkommene orientierungslosigkeit, das völlige fehlen von gestern und heute.
an das kalte wasser hatte ich mich schon gewöhnt, gezwungenermaßen, auch an das gefühl, meine haut wäre ein alter waschlappen, der sich langsam ablöst und zersetzt.

doch die ungewissheit, wann diese klappe wieder geöffnet werden würde, wann ich endlich den lichtstrahl wieder erkennen konnte, der mich blendete, den ich aber versuchte festzuhalten in meiner erinnerung – diese ungewissheit machte mich verrückt.

bloß nicht loslassen, halt es fest!
schrie mein herz, denn es konnte eine kleine ewigkeit vergehen, bevor der lichtstrahl erneut hoffnung auf ein ende meiner qual machte.
hoffen, warten, sekunden zählen –
oder zählte ich schon stunden?
vielleicht tage?

manchmal zitterte ich noch, aber nur ein wenig, denn zuviel zittern ließ das wasser wellen schlagen, ganz kleine nur, doch das geräusch der sich brechenden wellen hallte so lange nach, als wollte es nie wieder aufhören.

und die stille war wichtig, die stille durfte ich nicht durchbrechen, ich musste doch auf die schritte hören, ich durfte sie nicht verpassen!
diese schritte, die kurzes licht brachten, auch kleine speisen, naschereien manchmal, und ganz selten einen schluck selbst gemachten eistee – und die dann wieder verhallten, bis ich sie nur noch in der erinnerung hörte, während ich wieder versuchte, das wasser, die kälte und die dunkelheit zu vergessen, und an schönere tage dachte, an denen ich mir den eistee noch selber eingeschenkt hatte.

***

der song aus dem text –
danke für diese wunderbare melodie und den großartigen text!

***

diesen text durfte ich im rahmen einer lesung vortragen … und ich muss gestehen:
die reaktion der zusehenden war außerordentlich interessant.
danke!

 

 

bade.wanne. (12)

das wasser war überall.
ebenso die dunkelheit.
und die kälte.

am schlimmsten aber war die vollkommene orientierungslosigkeit, das völlige fehlen von gestern und heute.
an das kalte wasser hatte ich mich schon gewöhnt, gezwungenermaßen, auch an das gefühl, meine haut wäre ein alter waschlappen, der sich langsam ablöst und zersetzt.

doch die ungewissheit, wann diese klappe wieder geöffnet werden würde, wann ich endlich den lichtstrahl wieder erkennen konnte, der mich blendete, den ich aber versuche festzuhalten in meiner erinnerung – diese ungewissheit machte mich verrückt.

bloß nicht loslassen, halt es fest!
schrie mein herz, denn es konnte eine kleine ewigkeit vergehen, bevor der lichtstrahl erneut hoffnung auf ein ende meiner qual machte.
hoffen, warten, sekunden zählen –
oder zählte ich schon stunden?
vielleicht tage?

manchmal zitterte ich noch, aber nur ein wenig, denn zuviel zittern ließ das wasser wellen schlagen, ganz kleine nur, doch das geräusch der sich brechenden wellen hallte so lange nach, als wollte es nie wieder aufhören.

und die stille war wichtig, die stille durfte ich nicht durchbrechen, ich musste doch auf die schritte hören, ich durfte sie nicht verpassen!
diese schritte, die kurzes licht brachten, auch kleine speisen, naschereien manchmal, und ganz selten einen schluck selbstgemachten eistee – und die dann wieder verhallten, bis ich sie nur noch in der erinnerung hörte, während ich wieder versuchte, das wasser, die kälte und die dunkelheit zu vergessen, und an schönere tage dachte, an denen ich mir den eistee noch selber eingeschenkt hatte.

***

(ende)

***
*
***

wie alles begann:

bade.wanne. (1)

das wasser ist überall.
ebenso die dunkelheit.
und die kälte.

am schlimmsten aber ist die vollkommene orientierungslosigkeit, das völlige fehlen von gestern und heute.
an das kalte wasser habe ich mich schon gewöhnt, gezwungenermaßen, auch an das gefühl, meine haut wäre ein alter waschlappen, der sich langsam ablöst und zersetzt.

doch die ungewissheit, wann diese klappe wieder geöffnet wird, wann ich endlich den lichtstrahl wieder erkennen kann, der mich blendet, den ich aber versuche festzuhalten in meiner erinnerung – diese ungewissheit macht mich verrückt.

bloß nicht loslassen, halt es fest!
schreit mein herz, denn es kann eine kleine ewigkeit vergehen, bevor der lichtstrahl erneut hoffnung auf ein ende meiner qual macht.
hoffen, warten, sekunden zählen –
oder zähle ich schon stunden?
vielleicht tage?

manchmal zittere ich noch, aber nur ein wenig, denn zuviel zittern lässt das wasser wellen schlagen, ganz kleine nur, doch das geräusch der sich brechenden wellen hallt so lange nach, als wolle es nie wieder aufhören.

und die stille ist wichtig, die stille darf ich nicht durchbrechen, ich muss doch auf die schritte hören, ich darf sie nicht verpassen!
diese schritte, die kurzes licht bringen, auch kleine speisen, naschereien manchmal, und ganz selten einen schluck selbstgemachten eistee – und die dann wieder verhallen, bis ich sie nur noch in der erinnerung höre, während ich wieder versuche, das wasser, die kälte und die dunkelheit zu vergessen, und an schönere tage denke, an denen ich mir den eistee noch selber hatte einschenken können.

***

(weiter.lesen.)

bade.wanne. (11)

aus.
ja, aus.
ende.
ich mache es.
ich beende das alles hier.
jetzt.

nein!
ich darf nicht über so etwas nachdenken!

ich werde nicht darüber nachdenken.
ich muss auch nicht mehr darüber nachdenken.
ich muss gar nichts mehr machen –
nur das eine, sonst nichts.
ja, das muss ich machen, es bleibt mir nichts anderes mehr zu tun.

keine trauer bitte –
wer wird mich schon vermissen? ich habe niemanden und ich bin niemand.
ich zerfließe –
aber das habe ich schon immer gewusst, tief im herzen wußte ich:
am ende werde ich zerfließen.

‚finde dich selbst, erkenne dich, und nimm dein leben in die hand.‘
das sagte schon mein vater immer.
das werde ich tun.
jetzt.
aus.
ja, aus.
ende.
ich mache es.
ich nehme mein leben in die hand, ich mache das, was ich schon vor langer zeit hätte machen müssen:
ich werde untertauchen.

ich werde meinen mund öffnen
und
ich werde einen großen schluck nehmen.
und noch einen.
noch viele.
ja, genau das werde ich machen.

los jetzt!
los!
ich mache es.
jetzt.

drei.

zwei.

eins.

***

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bade.wanne. (10)

schritte.
schnelle schritte.
sie laufen vor mir davon.

und wo sind meine wellen?

ich kann meine wellen nicht mehr hören, sie reden nicht mehr mit mir, habe ich etwas falsch gemacht? ich liege immer still hier, ich bewege mich nie, ich schreie nie, ich berühre auch nie die klappe, den deckel, ich fasse ihn nicht an, dann ist es vielleicht nicht wahr, vielleicht ist der deckel dann nicht da, ich habe nur einmal an den deckel gefasst, nur einmal, er ist so hart, ganz hart ist er, und kalt, ich habe mir einen schiefer eingezogen, ich glaube, es hat sich entzündet, es tut so weh, das wasser ist so schmutzig und es hat die wunde entzündet, ich kann es nicht sehen, aber ich kann es riechen, ich rieche den eiter, der aus der wunde fließt, er vermischt sich mit dem wasser, und ich habe so großen durst.

was sagst du?
ja, ich bin einsam, natürlich bin ich einsam, ich bin allein, ganz allein hier, ich bin so allein, allein mit dem deckel und dem wasser und dem eiter und ich werde nie wieder den deckel anfassen, das verspreche ich dir!
werde ich denn überhaupt noch einmal irgendetwas anfassen, was meinst du? etwas anderes als das wasser und den deckel?

nein, du hast recht, den deckel greif ich nicht mehr an, ich glaube, der deckel, er ist ich, ich bin der deckel, ich drücke mich selbst immer weiter hinunter, ich bin schuld, ohja, ich bin einfach nur selber schuld, du hast so recht!
ich bin ein dämliches miststück, wie du es mir gesagt hast, immer und immer wieder, ein dämliches miststück, das sich selbst hinunter drückt, ganz tief hinein in das wasser, das schmutzige wasser, wasser ohne fische, little fish, big fish, swimming in the water, es gibt keine fische hier, nein, schon lange nicht mehr, und es gibt keine tochter, oder?
du hast gesagt, ich habe eine, aber ich habe keine tochter, verdammt, das würde ich doch wissen, sowas vergisst man doch nicht, und trotzdem habe ich es vergessen, ich weiß nicht, was habe ich, habe ich mehr als das hier?

***

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