ich bin dann mal weg. #urlaub

erinnerungen an den sommer klingen nach erdbeerlutscher und zitroneneis und erster liebe und zehen im sand.

aber das vermute ich nur.

denn meine neuen erinnerungen klingen nach klammen fingern und hustensaft, nach schmutzigem schnee und blauen lippen.

stürmische wellen haben meine erinnerungen an den sommer an blanken felsen zerschlagen, an einem kühlen tag im herbst,
nimm das!,
haben sie geschrieen,
wir sind hier, wir werden kommen, immer wieder, schon sind wir wieder da, wir sind da, sind weg, sind da, sind weg!

meine erinnerungen an den sommer sind zerschellt, verzweifelt versuche ich die bruchstücke wieder zu finden, ich will hinlaufen zu den felsen, ich will retten, was zu retten ist, doch da sitzen die neuen, die kalten erinnerungen, da am strand, ich kenne sie noch nicht so gut, aber ich kenne die blicke, die sie mir zuwerfen, bedeutungsschwer, mitleidsschwanger,
halte dich von den felsen fern,
sagen diese blicke,
wenn du ins rutschen kommst, dann –

noch ein bedeutungsschwerer blick, warnend,
wage es nicht, deine erinnerungen heraufzutauchen, wer braucht sie schon, deine erinnerungen an den sommer, vergiss sie doch, lass sie ertrinken!

stürmische wellen haben meine erinnerungen an blanken felsen zerschlagen, und ich soll zuschauen? soll vergessen, woher sie kamen, wohin sie gehen?

nein!
ich stürze mich in die wellen, vergesse die erinnerungen, die kalten, ich schwimme!

mit weit aufgerissenen augen starren mich meine erinnerungen an,
hol uns heraus!,
doch ich schließe meine augen, kann den anblick der zerschlagenen erinnerungen nicht ertragen, drehe mich weg.
unerledigter dinge klettere ich vom glitschigen felsen wieder hinunter, schwimme zurück an den strand, zu den anderen.
schon einen herzschlag später bereue ich es, das weglaufen, ertrinken lassen, doch warnende blicke und stummer protest belehren mich eines schlechteren –

erinnerungen an den sommer?

die klingen nach erdbeerlutscher und zitroneneis und erster liebe und zehen im sand.

aber das vermute ich nur, ich traue mich nicht, es zu wissen.

*

am 20. august bin ich wieder da.
juhu!

Ich bin fünf Jahre alt – 1948 | Else Seidl

Die klebrige Süßigkeit zergeht in meinem Mund. Es brennt ein wenig in den Zahnlücken. Papa hat mir eine Fondant-Praline mit Schokoladenguss mitgebracht. 
Es schmeckt gut. Gestern waren meine Eltern bei Freunden eingeladen, und immer bringen sie mir etwas mit. Manchmal liegt morgens auch eine kleine Weißbrotscheibe für mich bereit, mit Streichwurst drauf oder mit Ei belegt, meist ist der Brotbelag schon ein bisschen angetrocknet an den Rändern. Das aber nichts – ich freue mich immer sehr über diese Geschenke.

Jetzt hilft mir Mutti beim Anziehen. Ich trage heute mein Lieblingsspielhöschen. Es ist dunkelblau mit Blumen drauf, hat einen Latz vorne um den Oberkörper und Träger, die am Rücken gekreuzt werden müssen und dann mit Knöpfen am Bund befestigt sind. Ich bin schon fünf Jahre alt, aber das kann ich noch nicht alleine machen. Muttis Rock ist aus dem gleichen Stoff genäht und er schwingt um ihre Beine beim Gehen. Manchmal sehe ich ein bisschen vom Spitzensaum ihrer Kombineige. Bei mir ist nichts zu sehen von der Unterwäsche, mein Spielhöschen ist weit und kurz, es schließt aber mit einem engen Bündchen ab. Das mag gern, so bin ich gut eingepackt.

Am Küchenboden liegt schon ein großes Buch für mich zum Anschauen. Ich blättere gerne in diesem Buch. Es ist mein einziges. Die Seiten mit den großen Bildern darauf sind viel glatter, glänzender und ein bisschen rutschiger, anders als die rauen und bedruckten Seiten, die mit den Buchstaben darauf. 
Das Buch ist so schwer, ich kann es selber gar nicht tragen. Am Küchenboden ist viel Platz, alles lässt sich leicht herumschieben. Auch das neue Puppenbett hat Mutti dazugestellt. 
Ich habe es selbst gemacht. Papa hat gestern seinen Vorrat an Zigaretten gestopft, und dabei alle Papierhülsen aufgebraucht. Die leere Zigarettenhülsenschachtel hat er mir gegeben. Ich nehme dann den Deckel ab, stelle ihn auf und schiebe den Schachtelboden dazu, und schon ist das Bett fertig. Das kann ich schon sehr gut. Mein Zelluloid-Püppchen hat genug Platz darin.

Richtig gemütlich ist es heute hier am Küchenboden, auf der einen Seite meine Puppe, auf der anderen Seite das große Buch. Ich kann es kaum fassen, was ich darin sehe: Mördermuscheln, große Würmer, Tiere mit einem Tintensack. Viele Schlangen wachsen aus dem Tier heraus. Da gibt es auch gestreifte Fische und einen Haifisch, puh, so ein grausliches Gesicht hat der. 
„Er frisst Menschen und alles, was sich bewegt“, sagt Mutti. 

Meiner Puppe erkläre ich zwischendurch immer, was ich so sehe und entdecke. 
Was es da nicht alles gibt im Meer!
Da, jetzt wieder, auf der nächsten Seite! Da ist ein fast durchsichtiges Tier abgebildet, mit Pferdekopf und Rüssel und ganz zarten Flossen am Bauch und Rücken und Schwanz ist wie zu einem Schneckenhaus eingeringelt. „Auch dieses Tier schwimmt im Meer“, murmle ich zu meiner Puppe.
Mutti geht in der Küche hin und her, vom Herd zur Kredenz. Sie nimmt von der Lade einen Kochlöffel heraus und trägt ihn zurück zum Herd. Dann geht sie zum Radio, drückt an den weißen Tasten herum und gleich darauf höre ich Musik.
Blue Tango, das wird oft gespielt. Jetzt kommt sie zu mir und tippt mit der Fußspitze auf die Buchseite. „Das ist ein Seepferd“, sagt sie und geht wieder zum Herd. Muttis Rock wippt bei jeder Bewegung und die Spitzen ihrer Kombineige sehen aus wie die Zähne vom grauslichen Haifisch.
Ich mag Muttis Beine. Sie trägt heute Keilschuhe aus Kork. Meine Eltern tragen keine Patschen, ich schon. Mutti häkelt sie für mich aus einem aufgetrennten Wollkostüm.
Die Waden meiner Mutter haben heute keine Naht. Gestern Abend schon: Da hat Papa mit dem Augenbrauenstift aus dem Necessaire eine feine Linie auf Muttis Beine gemalt. Sehr langsam, von der Ferse an, dann über die Wade, ganz genau in der Mitte, bis zum halben Oberschenkel hinauf.
Nachher sind sie zu Freunden gegangen, und ohne Strümpfe geht Mutti nicht aus dem Haus. Ihr einziges, kostbares Paar Nylonstrümpfe war beschädigt und noch nicht zum Repassieren gebracht worden, also hat Papa gestern eben Strümpfe gemalt. Das macht man so, das ist praktisch.

Es läutet an der Wohnungstür. Mutti geht hin und spricht mit dem Briefträger.
Jetzt bringt sie ein Paket herein und stellt es auf den Esstisch. Ich bin ganz aufgeregt, es muss aus Kanada sein, ich erkenne das an der Größe. Wer sonst schickt so riesige Pakete. Mutti strahlt und sagt: „Tante Grete hat uns wieder etwas geschickt. Wir warten, bis Papa heimkommt, dann machen wir es auf und schauen, was drinnen ist.“ Mutti ist so glücklich und auch ich freue mich so sehr. Ein Paket aus Kanada! Das bedeutet für uns so etwas wie ‚Leben im Schlaraffenland’. Wir haben dann eine Weile herrliche Köstlichkeiten zu essen, die es bei uns gar nicht gibt. Nicht für Geld und nicht im Tauschhandel.

Mutti schickt mich in den Hof spielen. Das Buch am Küchenboden bleibt liegen, die Puppe im Schachtelbett auch. Ich schlüpfe in meine Sandalen, nehme das Netz mit meinem Gummiball und laufe in den Hof hinunter. Dort werfe ich den Ball gegen die Hauswand. Ständig denke ich an das Paket. Eine Nachbarin vom ersten Stock wirft mir ein Stollwerk herunter und meint, ich soll woanders spielen. Das Stollwerk ist süß und weich, es schmeckt gut.

Ich laufe wieder hinauf in die Wohnung und setze mich zum Esstisch. Vor mir liegt die Postsendung. Ganz behutsam umarme ich das Kanada-Paket, lege vorsichtig meinen Kopf darauf und schließe die Augen. Jetzt stelle ich mir vor, wie es sein wird, wenn endlich, endlich die Paketschnur entfernt ist, alle Briefmarken ausgeschnitten und im Sammelkuvert verstaut sind und Papa feierlich die Paketflügel auseinander klappt.

Plötzlich ist da ein Schatten. Es ist etwas Dunkles, es macht mir Angst. Ich treibe im Meer. Das Wasser ist trüb und grau. Das Paket halte ich fest umklammert. Helle Zackenspitzen sehe ich vorüber gleiten. Ist Mutti auch hier mit mir im Meer? Noch fester halte ich meine Schatzkiste, sie darf nicht verloren gehen. Die Zackenspitzen kommen wieder näher, es ist der Hai! Er will sicherlich das Paket und mich noch dazu!
„Hilfe! Mutti, Mutti, hilf mir! will ich rufen, aber keine Stimme kommt aus meinem Mund.

Da sagt Mutti: „Elsekind, wach auf! Papa ist da!“ Und da kommt er auch schon hereingestürmt, er hebt mich hoch und ruft: „Servus Puppenkind, mein Liebes, komm, jetzt machen wir das Paket aus Kanada auf.“

Na endlich, jetzt ist es soweit. Ich suche nach der blauen Schachtel, die mit den Zuckerwürfeln drinnen. Meistens liegt sie ganz obendrauf. Aber sie ist nicht da.
Wo ist sie, die blaue Schachtel? „Kommt schon noch, warte“, sagt Papa. Er zeigt mir das Holzkästchen mit den getrockneten Marillenhälften. „Die kann man hier gar nicht kaufen“, meint Mutti. Die Marillen schmecken süß, sauer und ein bisschen zäh. Da sind die bunten Dosen mit dem Obst drinnen: Pfirsiche und Birnen und hellgelbe Scheiben mit einem Loch in der Mitte. Ich finde drei graue Dosen mit Sardinen. Eine davon wird für Weihnachten aufgehoben, da macht Papa Sandwiches draus. Mutti freut sich über die gute Toilette-Seife, Kondensmilch in der Tube ist da und eine Packung mit Kaffeebohnen, auch das
wird für Weihnachten aufgehoben, das weiß ich schon. Papa holt ein weiches glänzendes Papiersackerl heraus. Wie ein Polsterl greift es sich an. „Tabak, aha“, sagt Papa.
Für mich ist auch ein hellblaues Sommerkleidchen dabei, aus Perlon, mit Rüschen am Rock. So einen Stoff gibt es bei uns gar nicht. Das Kleid ist ganz leicht, wie eine Feder und durchsichtig. Man muss es über ein Unterkleid anziehen.
Die Kaugummipackerl liegen dazwischen herum. Peppermint und Wild Cherry.

„Wildkirsche“, sagt Mutti. Ich weiß nicht, was Wildkirsche ist, es schmeckt ausländisch. Und da, die lustigen Micky-Mouse-Hefte, sie sind so bunt und fröhlich. Einige Buchstaben in den Sprechblasen kann ich schon lesen und gemeinsam mit Papa sprechen wir gleich ‚Mickey-Mouse-Englisch’.

Aber wo ist die blaue Würfelzuckerschachtel?

Da ist noch Orangenmarmelade, Kakao-Pulver und eine ovale Dose mit Corned Beef. Schokoladetafeln stecken zwischen dem Sack mit den Dörrpflaumen und den Nylons für Mutti. Rotweiß geringelte Zuckerstangen und Pfefferminzpastillen
hat Tante Grete auch dazugelegt. Da sind ja auch Buntstifte und ein Malblock.
Und darunter sehe ich etwas Blaues, es ist die blaue Kartonkassette mit dem weißen Dampfer drauf. Papa öffnet ganz vorsichtig die Schachtel und da liegen sie, die vielen kleinen schneeweißen Zuckerwürfel. Sie stecken ganz dicht beieinander und ein Stück davon darf ich mir gleich nehmen. Man kriegt es kaum heraus, so fest steckt es im Zuckerblock. Behutsam muss ich den Schachtelrand ein wenig ausbeulen, und jetzt kann ich endlich den ersten Zuckerwürfel herausschälen.
Er glitzert so schön in meiner Hand.

***

Dieser Text entstand in der Schreibwerkstatt 2019.
Danke dafür!

 

Elefanten | Silberfüchsin

Zusammengepfercht in zwei Glasvitrinen stehen meine Elefanten, etwa sechzig an der Zahl.
Zusammengetragen, gekauft, auch geschenkt bekommen, beginnend im Jahre 1972 bis vorläufig zum Jahre 2012. Sie stammen aus Ländern, in denen tatsächlich Elefanten leben, aber auch aus solchen, wo diese klugen und sozialen Riesen besten- bzw. schlechtestenfalls im Zoo vorkommen.

Sie sind winzig, klein und größer, sie sind aus Holz, aus Glas, aus Porzellan, aus Pappmache, aus Messing, aus Ton, aus Plüsch, hängen auf Seide abgebildet als Bild an der Wand, stehen als Blumenständer am Boden.

Alle eint die Ausstrahlung und das Gefühl von Ruhe, Kraft und Stärke, und alle sind ein Symbol des Glücks.

Man sagt auch, Elefanten sollen mit dem Rüssel nach oben in Richtung zur Tür herein aufgestellt sein, also das Glück sozusagen hereintragen.
Meine Geschichte der Elefanten, meines Lieblingstieres neben meiner realen geliebten Stubentigerin, beginnt vor mehr als 45 Jahren auf einer Reise nach Israel.

Es war 17 Uhr 30, als der Transferbus mit unserer Reisegruppe vor dem Hotel in Tiberias hielt, schnell waren die Zimmer bezogen, und noch schneller das Haus wieder verlassen. Die Straße und das gesamte Gelände, das ich in der Folge beschritt, führte etwas abschüssig zum See Genezareth hinab. Das war alles, was ich sechs Stunden später noch wusste. Leider zu wenig, um den richtigen Rückweg in der längst finsteren Nacht wieder zu finden. Im jugendlichen Leichtsinn ließ ich mich zu diesem Ausgang überreden. Weder ich noch der mir bis dahin kaum bekannte Begleiter hatten sich Name und Straße unserer Unterkunft gemerkt. Das sollte mir nie mehr in meinem Leben passieren. Nach bangen Stunden und sehr freundlichen Taxifahrern hat sich nach langem Herumirren in einem scheinbaren Labyrinth weit nach Mitternacht das Hotel wiedergefunden.
Vieles hat mir in Israel gefallen, nicht nur das Frühstück im Kibbuz mit dem frisch gepressten Orangensaft aus Orangen von den Bäumen gleich daneben, mich hat beeindruckt, was der intelligente Mensch in und aus der Wüste alles machen kann und wie lebendig und vorstellbar die Bibelgeschichte plötzlich wurde.
Teilweise beängstigend war das an jedem Straßeneck präsente Militär. 
Am Strand von Tel Aviv ist mir noch Udo Jürgens in die Quere gekommen, dort schlendernd mit einem Mädchen, wohl keine siebzehn Jahr.

© Silberfüchsin

Und immer, wenn ich meine beiden schwarzen Elefanten aus Ebenholz sehe, die mit mir neben zwei Keramikbildern von Felsendom und Klagemauer und einer Menora aus Messing die Heimreise angetreten haben, kommt mir bei Israel diese Anekdote mit der Herbergssuche und den daraus resultierenden Fingerzeig für mein späteres Leben in den Sinn:
„Vergiss in einer fremden Stadt nie die Adresse deiner Unterkunft“.

“Jede Sekunde wird ein Kind geboren“, so lautete ein Satz in meinem Film, den ich 1976 über diese Reise gemacht hatte, damals waren es 650 Millionen, heute sind es 1,4 Milliarden Einwohner. Die Rede ist von Indien, der volkreichsten Demokratie der Welt. Ein faszinierendes Land, in dem Licht und Schatten eng beieinanderliegen. Die bunte Farbenpracht der Kleidung, Menschen mit freundlichen Gesichtern, die in Morast und bitterer Armut hausen. Prunkvolle Maharadscha-Palästen und daneben Menschen, die kein anderes Zuhause als die dreckige Straße kennen.
Der Film „Slumdog Millionär“ hat nicht überzeichnet.
Eine der größten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, Mahatma Gandhi, dessen Leben im gleichnamigen Film achtfach Oscarprämiert wurde, hat maßgeblich zur Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialherrschaft im Jahre 1947 beigetragen. An der Parade zu diesem Andenken, die jedes Jahr am 26. Jänner in Neu-Delhi abgehalten wird, war ich Zaungast. Heute zählt Indien zu den größten Volkswirtschaften der Welt, ist ganz vorne am IT-Sektor und in EDV-Dienstleistungen – es ist leicht möglich, dass ein vermeintlicher Anruf in Düsseldorf in Wirklichkeit in Bangalore ankommt, an der Sprachfärbung ist kein Unterschied zu erkennen. Bedeutungsvoll ist die Pharmaindustrie und die Filmproduktion im sogenannten Bollywood in Mumbai, das bis 1996 Bombay hieß. Und andererseits ist der katastrophale gesellschaftliche Rückstand in Sachen Gleichbehandlung der Frau und deren Rechte allgegenwärtig. Kontraste überall.

Nie zuvor in meinem Leben hatte ich ein so schönes Bauwerk wie das Taj Mahal in Agra gesehen – weißer Marmor, eingelegte Edelsteine, und es ist ein Grabmal. Nie zuvor und auch nicht danach hatte ich so scharf und so preiswert gegessen.
Zum ersten Mal sah ich auch richtige Elefanten. Ja, ich bestieg sogar einen, besser gesagt, ich wurde auf eine Art hölzernes Podest hinaufgehoben, um auf dem Rücken eines solchen Giganten die Festungsanlage Amber Fort in Jaipur zu erreichen. Damals machte man sich noch wenig Gedanken, ob diese Transportart auch tierfreundlich war. Ein wackeliges und heiteres Erlebnis war es allemal.

© Silberfüchsin

Drei Elefanten haben mit mir die Heimreise angetreten. Einer aus dunkelbraunem Holz mit fein eingeschnitzter Decke, einer aus elfenbeinfarbigem Stein, und einer aus kleinen Holzstäbchen geformt, allesamt behutsam eingewickelt in zweimal sechs Meter Seide, soviel Stoff braucht es für zwei Saris. Die spezielle Wickeltechnik habe ich inzwischen mangels Anwendung längst vergessen. Dank YouTube dürfte es kein Problem sein, diese wieder zu erlernen. Die kleinen Riesen erinnern mich immer gerne an diese ganz andere Welt, im Wechselspiel zwischen Farbenrausch, bitterer Armut und technologischem Fortschritt.

Ein rosarotes Kerlchen, nicht größer als sechs Zentimeter, ist mein Elefant aus Portugal, den ich neben dem Torre de Belem am Mündungstrichter des Tejo, zusammen mit dem Hahn von Barcelos, ein Sinnbild für Gerechtigkeit, heimgebracht habe.

© Silberfüchsin

Besonders erinnert mich dieses Tierchen aber an die Anekdote, als ich für den berühmten Aufzug in Lissabon, der die Stadtteile Baixa und Chiado verbindet, ein Ticket gelöst hatte. Nicht weiter aufregend, ich zahlte meiner Meinung nach nicht viel, aber auch nicht wenig Escudos, Portugal war noch nicht in der EU. Als ich allerdings zu Hause mir diesen Fahrausweis nochmals näher ansah, bemerkte ich, dass sich die Gültigkeit auf ein Jahr erstreckte. Schade, dass ich den Ausblick auf diese wunderbare Stadt auf Hügeln vom 45 hohen Elevador de Santa Justa aus nur einmal genossen habe.

Mein erster Aufenthalt in Marokko im Jahre 1986 war eine Rundreise zu den vier Königsstädten. Eine davon war Marrakesch. Die ehemalige Hauptstadt am Rande des Atlas mit ihren einheitlich orange-rot-färbigen Häusern inmitten vieler Gärten ist gewiss ein Höhepunkt jeder Reise in dieses nordwestafrikanische Land. Zentraler Mittelpunkt in Marrakesch ist die Dschemaa el Fna , das ist der Platz, wo sich alles abspielt, ein riesiger Basar und Markplatz, auf dem sich Gaukler, Märchenerzähler und Schlangenbeschwörer tummeln, und dort habe ich Mohammed getroffen. Ein Junge im Alter von sieben, acht, neun Jahren, der einen Bauchladen mit Schminkprodukten vor sich hertrug und mir diese andrehen wollte. Mit seinem Spruch „Madame, bitte kaufen Sie“ verfolgte er mich auf Schritt und Tritt. Ich wollte ihn fotografieren und filmen, doch er war schon ein richtiger Geschäftsmann und verlangte dafür Bares. Darüber war ich belustigt und erstaunt gleichermaßen, ich habe den Deal abgelehnt und musste auch weiter, der Bus unserer Gruppe wartete schon. Das Aussehen und die Art dieses Bengels ließen mich nicht los, und ich ärgerte mich über mein Verhalten. Am Nachmittag hatte unsere Reisegruppe freie Zeit und ich besuchte nochmals diesen riesigen Markt, und wen treffe ich dort? – Mohammed. Sofort gab es im Austausch von ihm das Ok zu Fotos und von mir reichlich Dirhams.
Am liebsten hätte ich dieses entzückende Kind mit seinem unschuldigen Blick nach Salzburg mitgenommen.

© Silberfüchsin

Zwei niedliche kleine Elefanten, einer bunt bemalt, die ich auf der Dschemaa el Fna erstanden habe, erinnern mich noch heute an Mohammed, die Fotos von ihm habe ich oft angesehen. Diese Begegnung hatte aber eine noch viel weitergehende Bedeutung und Folge für mich: Von da an hat sich der Wunsch in mir gefestigt, einmal Mutter eines solchen Kindes zu sein. Und fünf Jahre später ist dieser Wunschtraum für mich in Erfüllung gegangen. 1991 wurde mein Sohn geboren, wohl die größte Freude und das größte Geschenk meines Lebens.

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Der größte Elefant in meiner Herde ist 40 Zentimeter hoch und 60 Zentimeter lang, aus weißem Ton mit blauer Verzierung, wiegt nicht wenig, ist richtig standfest und begleitet mich schon seit ewigen Zeiten.
Er ist ein Blumentopf-Elefant, das heißt auf seinem Rücken befindet sich eine Stellfläche. Kleinere Wehwehchen gab es immer wieder, die gut mit Klebstoff beseitigt werden konnten.

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Winzig klein hingegen mit einer Länge von etwa zwei Zentimetern ist mein Glaselefant aus der berühmten Manufaktur in Wattens. Er thront auf dem Kopiergerät, neben einem Troll aus Schweden. Als mein Sohn klein war, hatte es ihm mein Zoo auch angetan. Unzählige Male musste ich Stoßzähne diverser Elefanten an- und zusammenkleben.

Sieben Sommerurlaubselefanten stehen in vertrauter Runde zusammen und erinnern mich unter anderem daran, wie ich in Santorin nach einem Ritt auf einem Esel bergab in meinen Handtellern blutete und wunde Stellen hatte, weil am Haltegriff des Zaums die Polsterung nicht mehr vorhanden war und das blanke Eisen scheuerte, wie auf Zakynthos eine Freundin dem vom Wind weggeblasenen Plastikhai meines Sohnes nachgeschwommen ist und ihr dabei die Kräfte ausgingen und sie mit wieder gefangenem Hai von einem anderen Boot gerettet werden musste, wie ich auf Zypern meinen Sohn unter Wasser verschwinden sah und mir nur eines dachte: „Hätte ich ihn doch nicht zu diesem Tauchkurs angemeldet“ –

© Silberfüchsin

oder wie wir in der Ruinenstadt Petra in Jordanien, am Knotenpunkt der ehemaligen Weihrauchstraße, durch die schroffe 70 Meter hohe Felsschlucht aus rosafarbenem Sandstein wanderten und über das in der Antike von den Nabatäern errichtete Wasserversorgungssystem erstaunt waren, aber auch an die mehrmaligen Aufenthalte in Ägypten am Roten Meer, wo man anfangs den Augen kaum traut, welche farbenprächtigen Fische um die Beine streichen und zu ständigen Begleitern werden.

© Silberfüchsin

2010 war ich beim Karneval in Rio de Janeiro. Was soll man sagen: Die Parade der besten Sambaschulen im Sambodrom gehört wohl zu den größten und farbenfrohsten Festen weltweit und bleibt ein unvergessliches Ereignis. Elefanten gibt es aber auch an der Copacabana, ein kleiner brauner hölzerner Dickhäuter befand sich in meinem Reisegepäck.

In Bella Italia bewegte ich mich im Jahre 2012 auf den Spuren der Mafia, ohne natürlich auch nur ansatzweise mit der „ehrenwerten Gesellschaft“ etwas am Hut zu haben. Ein findiges Angebot für Sizilien-Reisende trägt diesen Titel. Und ich erinnerte mich gut daran, dass zu Beginn meiner Berufstätigkeit in den 1970iger Jahren Buch und Film von „Der Pate“ ein großes Thema gewesen sind. Und genau zu all den Drehorten des Filmes führte diese Reise im Cinquecento-Konvoi, richtig cool im kleinen Flitzer am Steuer zu sitzen und durch Sizilien zu kurven. Beginnend im zauberhaften Bergdorf Savoca, wo in der berühmten Bar Vitelli Al Pacino alias Michael Corleone seiner Apollonia den Heiratsantrag gemacht hat, bis nach Fiumefreddo di Sicilia zum Castello Degli Schiavi. Hier stand und steht das Haus des Film-Paten. Dort vor dem Schloss wurde ein wahrhaft fürstliches Diner gegeben, begleitet von Schauspielern, im Aussehen den seinerzeitigen Akteuren nicht unähnlich, und diese spielten Teile des Films nach, und am Ende explodiert tatsächlich das Auto, in dem Apollonia saß.

© Silberfüchsin

Mein Quartier hatte ich im bezaubernden Taormina, und bei einem abendlichen Spaziergang hatte ich nicht nur ein herrliches Pastagewürz gekauft, angelacht hat mich auch ein edler Elefant aus Porzellan, der seither Mitglied meiner Elefantenfamilie ist.
Meine bislang letzten Elefanten stammen aus Namibia, von dort, wo die Dickhäuter auch richtig zu Hause sind. Auf einer Safari im Etosha-Nationalpark habe ich einige dieser beeindruckenden Tiere hautnah gesehen, ihre Ausstrahlung ist unbeschreiblich.

© Silberfüchsin

Meine Elefantensammlung erfuhr nach dieser Reise auch eine Erweiterung um die Big Five, das heißt neben einem Elefanten gesellte sich ein Nashorn, ein Büffel, ein Löwe und ein Leopard, ja sogar eine Giraffe als sechste dazu.

Für mich etwas ganz Besonderes ist aber ein zusätzlicher kleiner Elefant aus Holz, zwölf cm lang, acht Zentimeter hoch, der auf einem Podest thront, auf dem mein Name als Gewinnerin eines Leistungsbewerbs eingetragen ist. Die Finder dieser Idee wussten natürlich nicht, dass Elefanten meine Lieblingstiere sind. Für mich war es umso stimmiger. 
Ja, ich habe diese großartige Reise zum Ende meiner Berufskarriere erhalten, bekommen für eine wenig geliebte Tätigkeit, die ich dennoch verantwortungsvoll und engagiert viele Jahre hindurch sehr erfolgreich erledigt habe.

© Silberfüchsin

Dieser kleine Elefant steht für mich auch sinnbildlich dafür, nicht aufzugeben, zu kämpfen, Verantwortung tragen, positiv an Aufgaben heranzugehen, auch wenn die Umstände oft mehr als schwierig sind. Der Elefant ist und bleibt ein und mein Glückssymbol.

*

Eine kurze Lebens-Reise-Geschichte von „Silberfüchsin“

*  *  *

Dieser Text entstand in der Schreibwerkstatt 2019.
Danke dafür!

erinnerungen an den sommer.

der sommer?
ja, an den erinnere ich mich.
war der nicht –
gestern erst?

und heute?
heute ist schon wieder herbst.

der läuft aber auch immer schneller davon,
der sommer.

***

verzeiht die pause, liebe mit.leser/innen.
aber ich war auf der suche nach dem sommer.
im aus.land –
bei uns ist der sommer ja nur mehr ein paar tage im sommer zu gast.

 

sinn.wort.spiel.

erinnerungen an den sommer klingen nach erdbeerlutscher und zitroneneis und erster liebe und zehen im sand.

aber das vermute ich nur.

denn meine neuen erinnerungen klingen nach klammen fingern und hustensaft, nach schmutzigem schnee und blauen lippen.

stürmische wellen haben meine erinnerungen an den sommer an blanken felsen zerschlagen, an einem kühlen tag im herbst,
nimm das!,
haben sie geschrieen,
wir sind hier, wir werden kommen, immer wieder, schon sind wir wieder da, wir sind da, sind weg, sind da, sind weg!

meine erinnerungen an den sommer sind zerschellt, verzweifelt versuche ich die bruchstücke wieder zu finden, ich will hinlaufen zu den felsen, ich will retten was zu retten ist, doch da sitzen die neuen, die kalten erinnerungen, da am strand, ich kenne sie noch nicht so gut, aber ich kenne die blicke, die sie mir zuwerfen, bedeutungsschwer, mitleidsschwanger,
halte dich von den felsen fern,
sagen diese blicke,
wenn du…

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