roter regen | 25

das nützt doch nichts, junge, du kannst nicht alle gelsen erschlagen! so lass es doch, komm, setz dich lieber zu uns ans lager.feuer!
meine mutter blickt mich kopfschüttelnd an.
doch ich möchte das nicht, denn ich weiß genau:
wenn ich mich hinsetze, lässt sich ein schwarm der stechenden biester auf mir nieder, dann werde ich die ganze nacht nicht schlafen können, weil es so juckt. nein, da schlag ich lieber wild um mich, wie es kleine jungs eben so machen, und hoffe, möglichst viele dieser viecher zu erwischen.

mein vater sitzt ein wenig abseits von meiner mutter und starrt mich wortlos an.
so starrt er sonst nur, wenn ich etwas falsch gemacht habe, wenn er gleich schimpfen wird, aber er sagt schon den ganzen abend nichts. er starrt nur, starrt mich an, als hätte ich den verstand verloren.
vermutlich denkt er das auch wirklich.
heute nachmittag nämlich fischte er einen wels aus dem see, der war riesig, und dann erklärte er mir stolz:
die wohnen ganz tief unten im see und fressen alles, was nach unten sinkt. sieh nur, junge, wie groß sein maul ist!

meine mutter nickte lächelnd zu seinen worten und sagte:
den werden wir heute abend grillen. mmh, das wird ein leckerbissen!

mir wurde ganz schlecht. nicht wegen der grillerei am abend, nein, sondern weil ich plötzlich erkannte:
in dem see, in dem ich so gern schwimme, leben monster! monster, die so riesig sind, dass sie mich auffressen könnten, mit einem haps wäre ich verschwunden.
leichenblass und mit zitternden knien war ich zu boden gesunken, vor lauter angst hatte ich kaum noch luft bekommen, mein vater hatte mich verächtlich angeblickt und nur geschnaubt.
meine mutter hatte mich in den arm genommen, um mich zu trösten, das war schön gewesen, aber ich hatte gespürt, dass auch sie meine reaktion ein wenig überzogen fand.

und jetzt sitzen meine eltern hier am lager.feuer, essen von dem monster, das mein vater geangelt hat, und schauen mich an, als hätte ich nicht alle tassen im schrank.
vielleicht haben sie recht. vielleicht hab ich ja wirklich nicht alle tassen im schrank, wie ich da stehe, am ufer eines sees, mit den armen um mich schlagend, um die gelsen zu vertreiben, und dem festen entschluss, nie mehr ein gewässer zu betreten –
nicht einmal die bade.wanne.
vermutlich habe ich den verstand verloren, ja.

doch plötzlich halte ich inne –
und obwohl sich sofort dutzende gelsen auf mir niederlassen, bewege ich mich nicht.
da singt jemand!
ich kann es hören, ganz leise nur, aber ich bin sicher: das bilde ich mir nicht ein.
ich drehe mich um, weg vom see, hin zu dem kleinen wäldchen, durch das wir gestern wanderten.
ja, von dort kommt der gesang, dort muss ich hin!
langsam setze ich mich in bewegung –
ein schritt, noch einer, ein weiterer.

was machst du denn, junge? wohin gehst du?
meine mutter ruft nach mir, aus dem augenwinkel sehe ich, dass sie aufgesprungen ist. auch mein vater ist jetzt aufgestanden, ich spüre, wie er sich in meine richtung bewegt, er wird versuchen, mich aufzuhalten.
aber das darf er nicht!
ich muss in den wald, dorthin, wo diese wunder.volle stimme singt!
niemand darf mich aufhalten, das darf einfach nicht passieren!

also renne ich los.
ich laufe schnell, schneller als je zuvor in meinem leben.
ich höre meinen vater hinter mit herhecheln, höre meine mutter, wie sie nach mir ruft, aber das interessiert mich nicht –
mich interessiert nur diese stimme, dieser gesang, der mich magisch anzieht.
immer schneller werde ich, der gesang weckt in mir bisher verborgene kräfte, ich renne und renne, als hätte ich mein leben lang nichts anderes gemacht.
leise höre ich hinter mir meinen vater rufen:
so bleib doch stehen, junge! was willst du denn im wald?
doch ich blicke mich nicht um, ich bleibe auch nicht stehen, nein, ich renne einfach weiter.
vor mir tauchen die ersten bäume auf, der gesang wird lauter, gibt mir neue kraft.

da! ein umgestürzter baum.stamm!
ich werde einfach drüberspringen, das schaff ich, ich muss nur genug anlauf nehmen –
und so werde ich schneller, setze zum sprung an und …

(weiter.lesen.)