roter regen | 26

… knallte gegen die mauer in meinem keller.
verwirrt taumelte ich zurück und fiel auf meinen hosen.boden.
ich war doch gerade eben noch durch den wald gerannt und wollte über einen umgestürzten baum.stamm springen –
was war passiert?
wie hatte ich denn quer durch zeit und raum springen können, aus meiner kindheit direkt in den keller meines hauses –
und wie war ich überhaupt in meine kindheit gelangt?

mit einem mehr als mulmigen gefühl im magen ging ich die treppe nach oben und setzte mich in einen lehn.stuhl, der mir einen wunderbaren blick auf meinen rosen.garten bot. neben mir, auf einem kleinen tisch, lag das tagebuch der lady eleonore.
ich nahm es in die hand und blätterte gedanken.verloren darin herum.
irgendwie musste das alles zusammenhängen –
die rosen, die immer blühten, der rote regen, dieser seltsame flaum, den ich immer öfter auf mir entdeckte, der gesang und dieses zeit.fenster im keller, durch das ich in meine kindheit zurückversetzt zu werden schien.
es musste da einen zusammenhang geben, davon war ich überzeugt, und diesen zusammenhang musste ich finden, allein schon, weil die alternative keine war –

wer würde sich schon gern eingestehen, langsam verrückt zu werden?

(weiter.lesen.)

 

roter regen | 24

als ich erwachte, hatte ich keine ahnung, wie lange ich geschlafen hatte.
waren es stunden gewesen, tage?
ich stand aus meinem bett auf, ging in die küche, machte mir einen happen zu essen –
und ging dann bebenden schrittes wieder in den keller, zu jener tür, hinter der ich dinge erlebt hatte, die ich mir nicht erklären konnte.

vor der tür, die wie immer in den letzten tagen einen spalt weit geöffnet war, setzte ich mich im schneidersitz auf den boden und dachte nach.
hatte ich mir die reise in meine kindheit nur eingebildet?
stand ich kurz davor, verrückt zu werden?
so konnte es doch nicht weitergehen! was würde nur aus mir werden
oder war es genau das? war ich im werden, wie es lady eleonore einst gewesen war?
vor aufregung bekam ich feuchte hände –
genau das hatte ich doch gewollt! ich wollte werden, wie lady eleonore, wollte herausfinden, was dieses werden bedeutete, und zu was lady eleonore geworden war.

ich hatte keine wahl –
wenn ich herausfinden wollte, was hier los war, musste ich mich noch einmal in den raum wagen, musste mich meinen ängsten stellen, koste es, was es wolle.
also nahm ich meinen ganzen mut zusammen, stand auf, bevor er mich wieder verlassen würde, trat auf die tür zu, drückte sie auf –
und machte erneut einen großen schritt über die schwelle.

(weiter.lesen.)

roter regen | 23

… bist du?
hörte ich mich flüstern.

ich lag eingerollt wie eine keller.assel auf dem boden vor der tür, die noch immer einen spalt weit geöffnet war und durch die noch immer ein rötlicher schein drang.
ich lag da, als wäre ich nie in dem raum dahinter gewesen, als wäre ich einfach zusammengebrochen wie der jammer.lappen, für den ich mich selber hielt.
langsam setzte ich mich auf, rieb mir die augen und stellte verwundert fest, dass meine hände von einem leichten, roten flaum überzogen waren –
ein flaum, den ich schon einmal bemerkt hatte, nach dem roten regen, der über meinem garten niedergegangen war, und von dem auch lady eleonore in ihrem tagebuch berichtet hatte.
rund um mich waren sandige fuß.spuren zu sehen, so als wäre jemand direkt vom strand in mein haus gelaufen.

entsetzt sprang ich auf und rannte ins badezimmer, wusch mir meine hände mit heißem wasser, um den roten flaum loszuwerden, der auf meinen händen festgewachsen zu sein schien, und schaffte es dann gerade noch zu meinem bett. dort ließ ich mich matt und unendlich müde in die kissen fallen und sank in einen tiefen, traumlosen schlaf.

und während ich mich oben in meinem bett von den geschehnissen erholte, hob unten im keller wieder der un.heimliche gesang an –
sanft nur, elegisch, und un.endlich traurig.

(weiter.lesen.)

 

roter regen | 21

ein schritt.
noch einer.
und noch einer.

der gesang, der immer lauter wurde.
der schwindel, der von mir ergriffen hatte.
der rote schein, der durch den geöffneten spalt der tür drang.

ein weiterer schritt.
die tür war zum greifen nahe.
noch ein schritt, dann konnte ich die tür weiter öffnen, der spalt wurde größer, ich konnte schon einen blick auf das erhaschen, was hinter der tür lag.
ich hielt den atem an, doch ich bemerkte es kaum. ich hörte mein blut in den ohren rauschen, lauter noch als den unheimlichen gesang.
ich machte noch einen schritt, stand schon fast in dem raum hinter tür, da hielt ich noch einmal inne.

was ich da hörte, war nicht mein blut, das in den ohren rauschte –
es war meeres.rauschen.
ja, ganz eindeutig, ich hörte das meer, die brandung, und da, das war eine möwe!

das meer?
hinter einer tür in meinem keller?
ich war mir sicher, den verstand verloren zu haben, und dennoch konnte ich nicht anders –
ich machte noch einen schritt, den letzten schritt, und trat damit über die schwelle.

(weiter.lesen.)

roter regen | 20

ja wer ist denn da aufgewacht?
ist es nicht ein wunderbarer vormittag heute? die vögel zwitschern, die sonne scheint, hach, ganz wunderbar!

eingesperrt?
aber nein, mein lieber, das erkläre ich Ihnen doch jeden tag, Sie sind hier nicht eingesperrt, es ist zu Ihrem besten, wirklich! wir müssen einfach schauen, dass Sie wieder auf die beine kommen, körperlich, aber vor allem auch psychisch. wir müssen an dieser angst vor dem regen arbeiten, und Sie dürfen auch nicht jeden sonntag im speisesaal randalieren, wenn die enkelkinder der anderen bewohner himbeersaft neben Ihnen trinken.
ich weiß ja nicht, was Ihnen damals in dem keller passiert ist, in dem Ihr ehemaliger chef Sie gefunden hat, aber eins ist klar:
normal ist das nicht. und darum sind Sie hier.

wie?
ja aber natürlich werde ich Sie heute wieder mit dem waschlappen waschen, muss ich ja auch, immerhin haben Sie den duschkopf in Ihrem badezimmer, naja, sagen wir abmontiert.
hier hab ich auch schon alles, fangen wir wieder am rücken an mit dem schrubben?
sehr gut.

ich war mit meinem mann übrigens letzte woche bei Ihrem alten haus, der rosengarten ist noch immer ganz wundervoll, und wie es dort duftet! es war zwar nicht valentinstag, aber trotzdem sehr romantisch, mein mann hat gar nicht glauben können, dass die rosen wirklich immer blühen, sogar die bäume haben rote blüten getragen, toll war das.

so, bitte umdrehen, jetzt schrubben wir den bauch, aber Sie müssen schon ein bisschen still halten und nicht so zappeln, sonst bekomm ich nicht alles weg. der rote flaum ist heute weniger, schön, vielleicht hilft die neue creme, die Ihnen der herr doktor verschrieben hat.

mein mann war übrigens ganz verwundert, dass das haus angeblich leer steht. wir haben beim spazieren gehen jemanden singen hören, da hat wohl jemand einen übungsraum im keller, es war wirklich ein toller gesang.
was?
nein, wir sind natürlich nicht in den keller gegangen, das wäre ja hausfriedensbruch! mein mann hat nur durch eins der fenster geschaut, aber da war nichts zu sehen, alles war voller roter schlieren, so rotes algenzeugs, glaub ich.

gleich haben wir’s, dann kommt die schwester und bringt Sie zur therapie, ja? ich glaub, heut steht gesprächstherapie auf dem plan, das wird toll werden, schritt für schritt in ein neues leben! ich freu mich für Sie!

so, jetzt sind wir fertig. alles sauber!
dann wünsch ich Ihnen noch einen wunderbaren tag, erholen Sie sich gut, ja? ich hab jetzt dann frei, hatte heut ja nachschicht. mein mann wartet schon auf mich, der ist heut daheim geblieben, irgendwas ist mit seinen augen, er meinte, er sehe alles ganz rot, als wär da was drinnen in seinen augen.
naja, der arzt wird das klären, nehm ich an.

aber nicht doch, nein, warum schreien Sie denn schon wieder? bitte, beruhigen Sie sich doch!

(weiter.lesen.)

 

 

roter regen. | 19

atem.loses erstaunen –
genau das war es.

ich hielt den atem an –
und war so erstaunt, dass ich es nicht einmal bemerkte.
unfähig, einen klaren gedanken zu fassen, stand ich vor der tür.
ein heller licht.schein drang durch den spalt.
nur am rande nahm ich den rötlichen schimmer wahr, den der licht.schein im keller verbreitete. zu sehr war ich damit beschäftigt, mich aus dem sog des gesangs zu befreien, zu verarbeiten, dass die tür nun offen stand –
offensichtlich war es für mich an der zeit, einzutreten, wer auch immer das bestimmt hatte.
langsam kam mein verstand wieder zurück, langsam erholte ich mich von dem schock, von der überraschung.

ich atmete tief durch –
so tief, wie noch nie zuvor in meinem leben.
ich fühlte mich in meine kindheit zurückversetzt – genau so hatte ich mich gefühlt, wenn mein vater mit mir schwimmen gehen wollte.
oder fischen.
oder wenn ich im regen die einkäufe meiner mutter heimtragen musste.

doch nun war ich ein erwachsener mann. ich sollte fähig sein, meine angst zu unterdrücken, mich dem zu stellen, was da im keller auf mich gewartet hatte, anscheinend.
wie schlimm konnte es schon sein?

also atmete ich noch einmal tief durch, sah mich noch einmal in dem dunklen keller um, wie um mich zu verabschieden.
dann machte ich den ersten schritt hin zu der tür –
den einen schritt, der mich dem sog vollends ausliefern sollte.

doch das wusste ich zu diesem zeitpunkt noch nicht.

(weiter.lesen.)

roter regen | 16

vormittags.
nach.denken.

mittags.
ein schnelles sandwich am küchen.tisch.

nachmittags.
nach.denken.

abends.
tiefkühlpizza aus dem backofen.

danach.
kein mut mehr, um in den keller zu gehen.

den ganzen tag über hatte ich versucht, alle gedanken an den keller zu vermeiden. doch –
je mehr ich es vermeiden wollte, umso mehr hatte ich dann daran gedacht.
als ich abends meinen schreib.tisch betrachtete, fand ich die alten dokumente über lady eleonore, ihr tage.buch, pläne des hauses –
alles wild verteilt, durcheinander. ich konnte mich nicht erinnern, darin gelesen zu haben. ich wusste nur, ich musste diese tür im keller öffnen.

egal wie.
aber nicht mehr an diesem tag.

ich würde das öffnen der tür auf den nächsten tag verschieben, oder auf den über.nächsten. immerhin mußte ich mir erst eine axt organisieren, einen plan schmieden – und einen freien kopf bekommen.
dann würde ich klarheit schaffen, was es mit dem haus auf sich hatte.

und mich wieder aus dem sog befreien.

(weiter.lesen.)

roter regen | 15

da war gesang.

seit ich an diesem morgen aufgewacht war, schien gesang aus dem keller durch das gesamte haus zu schallen. doch irgend.wie nicht richtig laut, ich konnte den gesang mehr fühlen als hören.
wieder murmelte der wider.stand in mir –
und wieder hörte ich nicht hin.

wie sollte man denn bitteschön gesang in sich fühlen?
das klang alles so verrückt.
ich hatte mich zwar seit meinen studien über lady eleonore damit abgefunden, dass die leute in meiner umgebung mich für verrückt hielten, aber im moment war ich selbst davon überzeugt, verrückt zu sein.

es gab nur eine möglichkeit:
ich musste in den keller gehen, mit meiner taschen.lampe, am besten auch mit einer axt, um die tür aufschlagen zu können. dort unten im keller würde ich mich davon überzeugen, dass niemand sang, dass ich allein in meinem rosen.haus wohnte –

und hoffentlich auch davon, dass ich nicht verrückt war.

(weiter.lesen.)

* * *

wie alles begann.

roter regen | 11

abgesehen von diesem roten schein war es im keller sehr dunkel, denn die kleinen fenster, die licht hereinlassen hätten können, waren mit dicken brettern vernagelt, und die glühbirne, die von der decke baumelte, hatte wohl einer der vorbesitzer versehentlich zerschlagen und nicht erneuert.
also beschloss ich, mich mit einer taschenlampe zu bewaffnen und den keller genauer zu durchsuchen.

im keller angelangt offenbarte der strahl meiner lampe etwas, das ich niemals erwartet hätte –
als ehemals zuständiger immobilienmakler kannte ich alle pläne des hauses, hatte jeden raum schon mindestens einmal betreten und zumindest einen blick in den keller geworfen.

und doch fand ich an diesem ersten tag in meinem haus eine tür im keller, die laut plan nicht hätte da sein dürfen.
eine tür, die verschlossen war, und die zu allem überfluss weder eine klinke noch ein schloss hatte.

wie also sollte ich in den raum hinter der tür gelangen?
ich brannte darauf zu erfahren, was ich dort vorfinden würde, doch ich hatte keine ahnung, wie ich die schwere holztüre öffnen sollte.

entmutigt ließ ich mich vor der tür zu boden sinken.
so eine große entdeckung, und dann sollte es mir nicht gelingen, das geheimnis vollends zu lüften?

ich schloss die augen, um besser nachdenken zu können –
als ich regen hörte.

gerade eben hatte doch noch die sonne geschienen –
und jetzt regnete es?
ich hoffte, dass ich im keller nicht nass werden würde, wer konnte schon wissen, wie viel wasser bei einem ordentlichen regenguss in den keller eindrang.

ich stieg also wieder nach oben, mit dem plan, mich gemütlich ins wohnzimmer zu setzen und meinen rosengarten im regen zu betrachten.

doch schon an der tür zum wohnzimmer hielt ich inne.

(weiter.lesen.)