Ich bin fünf Jahre alt – 1948 | Else Seidl

Die klebrige Süßigkeit zergeht in meinem Mund. Es brennt ein wenig in den Zahnlücken. Papa hat mir eine Fondant-Praline mit Schokoladenguss mitgebracht. 
Es schmeckt gut. Gestern waren meine Eltern bei Freunden eingeladen, und immer bringen sie mir etwas mit. Manchmal liegt morgens auch eine kleine Weißbrotscheibe für mich bereit, mit Streichwurst drauf oder mit Ei belegt, meist ist der Brotbelag schon ein bisschen angetrocknet an den Rändern. Das aber nichts – ich freue mich immer sehr über diese Geschenke.

Jetzt hilft mir Mutti beim Anziehen. Ich trage heute mein Lieblingsspielhöschen. Es ist dunkelblau mit Blumen drauf, hat einen Latz vorne um den Oberkörper und Träger, die am Rücken gekreuzt werden müssen und dann mit Knöpfen am Bund befestigt sind. Ich bin schon fünf Jahre alt, aber das kann ich noch nicht alleine machen. Muttis Rock ist aus dem gleichen Stoff genäht und er schwingt um ihre Beine beim Gehen. Manchmal sehe ich ein bisschen vom Spitzensaum ihrer Kombineige. Bei mir ist nichts zu sehen von der Unterwäsche, mein Spielhöschen ist weit und kurz, es schließt aber mit einem engen Bündchen ab. Das mag gern, so bin ich gut eingepackt.

Am Küchenboden liegt schon ein großes Buch für mich zum Anschauen. Ich blättere gerne in diesem Buch. Es ist mein einziges. Die Seiten mit den großen Bildern darauf sind viel glatter, glänzender und ein bisschen rutschiger, anders als die rauen und bedruckten Seiten, die mit den Buchstaben darauf. 
Das Buch ist so schwer, ich kann es selber gar nicht tragen. Am Küchenboden ist viel Platz, alles lässt sich leicht herumschieben. Auch das neue Puppenbett hat Mutti dazugestellt. 
Ich habe es selbst gemacht. Papa hat gestern seinen Vorrat an Zigaretten gestopft, und dabei alle Papierhülsen aufgebraucht. Die leere Zigarettenhülsenschachtel hat er mir gegeben. Ich nehme dann den Deckel ab, stelle ihn auf und schiebe den Schachtelboden dazu, und schon ist das Bett fertig. Das kann ich schon sehr gut. Mein Zelluloid-Püppchen hat genug Platz darin.

Richtig gemütlich ist es heute hier am Küchenboden, auf der einen Seite meine Puppe, auf der anderen Seite das große Buch. Ich kann es kaum fassen, was ich darin sehe: Mördermuscheln, große Würmer, Tiere mit einem Tintensack. Viele Schlangen wachsen aus dem Tier heraus. Da gibt es auch gestreifte Fische und einen Haifisch, puh, so ein grausliches Gesicht hat der. 
„Er frisst Menschen und alles, was sich bewegt“, sagt Mutti. 

Meiner Puppe erkläre ich zwischendurch immer, was ich so sehe und entdecke. 
Was es da nicht alles gibt im Meer!
Da, jetzt wieder, auf der nächsten Seite! Da ist ein fast durchsichtiges Tier abgebildet, mit Pferdekopf und Rüssel und ganz zarten Flossen am Bauch und Rücken und Schwanz ist wie zu einem Schneckenhaus eingeringelt. „Auch dieses Tier schwimmt im Meer“, murmle ich zu meiner Puppe.
Mutti geht in der Küche hin und her, vom Herd zur Kredenz. Sie nimmt von der Lade einen Kochlöffel heraus und trägt ihn zurück zum Herd. Dann geht sie zum Radio, drückt an den weißen Tasten herum und gleich darauf höre ich Musik.
Blue Tango, das wird oft gespielt. Jetzt kommt sie zu mir und tippt mit der Fußspitze auf die Buchseite. „Das ist ein Seepferd“, sagt sie und geht wieder zum Herd. Muttis Rock wippt bei jeder Bewegung und die Spitzen ihrer Kombineige sehen aus wie die Zähne vom grauslichen Haifisch.
Ich mag Muttis Beine. Sie trägt heute Keilschuhe aus Kork. Meine Eltern tragen keine Patschen, ich schon. Mutti häkelt sie für mich aus einem aufgetrennten Wollkostüm.
Die Waden meiner Mutter haben heute keine Naht. Gestern Abend schon: Da hat Papa mit dem Augenbrauenstift aus dem Necessaire eine feine Linie auf Muttis Beine gemalt. Sehr langsam, von der Ferse an, dann über die Wade, ganz genau in der Mitte, bis zum halben Oberschenkel hinauf.
Nachher sind sie zu Freunden gegangen, und ohne Strümpfe geht Mutti nicht aus dem Haus. Ihr einziges, kostbares Paar Nylonstrümpfe war beschädigt und noch nicht zum Repassieren gebracht worden, also hat Papa gestern eben Strümpfe gemalt. Das macht man so, das ist praktisch.

Es läutet an der Wohnungstür. Mutti geht hin und spricht mit dem Briefträger.
Jetzt bringt sie ein Paket herein und stellt es auf den Esstisch. Ich bin ganz aufgeregt, es muss aus Kanada sein, ich erkenne das an der Größe. Wer sonst schickt so riesige Pakete. Mutti strahlt und sagt: „Tante Grete hat uns wieder etwas geschickt. Wir warten, bis Papa heimkommt, dann machen wir es auf und schauen, was drinnen ist.“ Mutti ist so glücklich und auch ich freue mich so sehr. Ein Paket aus Kanada! Das bedeutet für uns so etwas wie ‚Leben im Schlaraffenland’. Wir haben dann eine Weile herrliche Köstlichkeiten zu essen, die es bei uns gar nicht gibt. Nicht für Geld und nicht im Tauschhandel.

Mutti schickt mich in den Hof spielen. Das Buch am Küchenboden bleibt liegen, die Puppe im Schachtelbett auch. Ich schlüpfe in meine Sandalen, nehme das Netz mit meinem Gummiball und laufe in den Hof hinunter. Dort werfe ich den Ball gegen die Hauswand. Ständig denke ich an das Paket. Eine Nachbarin vom ersten Stock wirft mir ein Stollwerk herunter und meint, ich soll woanders spielen. Das Stollwerk ist süß und weich, es schmeckt gut.

Ich laufe wieder hinauf in die Wohnung und setze mich zum Esstisch. Vor mir liegt die Postsendung. Ganz behutsam umarme ich das Kanada-Paket, lege vorsichtig meinen Kopf darauf und schließe die Augen. Jetzt stelle ich mir vor, wie es sein wird, wenn endlich, endlich die Paketschnur entfernt ist, alle Briefmarken ausgeschnitten und im Sammelkuvert verstaut sind und Papa feierlich die Paketflügel auseinander klappt.

Plötzlich ist da ein Schatten. Es ist etwas Dunkles, es macht mir Angst. Ich treibe im Meer. Das Wasser ist trüb und grau. Das Paket halte ich fest umklammert. Helle Zackenspitzen sehe ich vorüber gleiten. Ist Mutti auch hier mit mir im Meer? Noch fester halte ich meine Schatzkiste, sie darf nicht verloren gehen. Die Zackenspitzen kommen wieder näher, es ist der Hai! Er will sicherlich das Paket und mich noch dazu!
„Hilfe! Mutti, Mutti, hilf mir! will ich rufen, aber keine Stimme kommt aus meinem Mund.

Da sagt Mutti: „Elsekind, wach auf! Papa ist da!“ Und da kommt er auch schon hereingestürmt, er hebt mich hoch und ruft: „Servus Puppenkind, mein Liebes, komm, jetzt machen wir das Paket aus Kanada auf.“

Na endlich, jetzt ist es soweit. Ich suche nach der blauen Schachtel, die mit den Zuckerwürfeln drinnen. Meistens liegt sie ganz obendrauf. Aber sie ist nicht da.
Wo ist sie, die blaue Schachtel? „Kommt schon noch, warte“, sagt Papa. Er zeigt mir das Holzkästchen mit den getrockneten Marillenhälften. „Die kann man hier gar nicht kaufen“, meint Mutti. Die Marillen schmecken süß, sauer und ein bisschen zäh. Da sind die bunten Dosen mit dem Obst drinnen: Pfirsiche und Birnen und hellgelbe Scheiben mit einem Loch in der Mitte. Ich finde drei graue Dosen mit Sardinen. Eine davon wird für Weihnachten aufgehoben, da macht Papa Sandwiches draus. Mutti freut sich über die gute Toilette-Seife, Kondensmilch in der Tube ist da und eine Packung mit Kaffeebohnen, auch das
wird für Weihnachten aufgehoben, das weiß ich schon. Papa holt ein weiches glänzendes Papiersackerl heraus. Wie ein Polsterl greift es sich an. „Tabak, aha“, sagt Papa.
Für mich ist auch ein hellblaues Sommerkleidchen dabei, aus Perlon, mit Rüschen am Rock. So einen Stoff gibt es bei uns gar nicht. Das Kleid ist ganz leicht, wie eine Feder und durchsichtig. Man muss es über ein Unterkleid anziehen.
Die Kaugummipackerl liegen dazwischen herum. Peppermint und Wild Cherry.

„Wildkirsche“, sagt Mutti. Ich weiß nicht, was Wildkirsche ist, es schmeckt ausländisch. Und da, die lustigen Micky-Mouse-Hefte, sie sind so bunt und fröhlich. Einige Buchstaben in den Sprechblasen kann ich schon lesen und gemeinsam mit Papa sprechen wir gleich ‚Mickey-Mouse-Englisch’.

Aber wo ist die blaue Würfelzuckerschachtel?

Da ist noch Orangenmarmelade, Kakao-Pulver und eine ovale Dose mit Corned Beef. Schokoladetafeln stecken zwischen dem Sack mit den Dörrpflaumen und den Nylons für Mutti. Rotweiß geringelte Zuckerstangen und Pfefferminzpastillen
hat Tante Grete auch dazugelegt. Da sind ja auch Buntstifte und ein Malblock.
Und darunter sehe ich etwas Blaues, es ist die blaue Kartonkassette mit dem weißen Dampfer drauf. Papa öffnet ganz vorsichtig die Schachtel und da liegen sie, die vielen kleinen schneeweißen Zuckerwürfel. Sie stecken ganz dicht beieinander und ein Stück davon darf ich mir gleich nehmen. Man kriegt es kaum heraus, so fest steckt es im Zuckerblock. Behutsam muss ich den Schachtelrand ein wenig ausbeulen, und jetzt kann ich endlich den ersten Zuckerwürfel herausschälen.
Er glitzert so schön in meiner Hand.

***

Dieser Text entstand in der Schreibwerkstatt 2019.
Danke dafür!

 

roter regen | 26

… knallte gegen die mauer in meinem keller.
verwirrt taumelte ich zurück und fiel auf meinen hosen.boden.
ich war doch gerade eben noch durch den wald gerannt und wollte über einen umgestürzten baum.stamm springen –
was war passiert?
wie hatte ich denn quer durch zeit und raum springen können, aus meiner kindheit direkt in den keller meines hauses –
und wie war ich überhaupt in meine kindheit gelangt?

mit einem mehr als mulmigen gefühl im magen ging ich die treppe nach oben und setzte mich in einen lehn.stuhl, der mir einen wunderbaren blick auf meinen rosen.garten bot. neben mir, auf einem kleinen tisch, lag das tagebuch der lady eleonore.
ich nahm es in die hand und blätterte gedanken.verloren darin herum.
irgendwie musste das alles zusammenhängen –
die rosen, die immer blühten, der rote regen, dieser seltsame flaum, den ich immer öfter auf mir entdeckte, der gesang und dieses zeit.fenster im keller, durch das ich in meine kindheit zurückversetzt zu werden schien.
es musste da einen zusammenhang geben, davon war ich überzeugt, und diesen zusammenhang musste ich finden, allein schon, weil die alternative keine war –

wer würde sich schon gern eingestehen, langsam verrückt zu werden?

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roter regen | 25

das nützt doch nichts, junge, du kannst nicht alle gelsen erschlagen! so lass es doch, komm, setz dich lieber zu uns ans lager.feuer!
meine mutter blickt mich kopfschüttelnd an.
doch ich möchte das nicht, denn ich weiß genau:
wenn ich mich hinsetze, lässt sich ein schwarm der stechenden biester auf mir nieder, dann werde ich die ganze nacht nicht schlafen können, weil es so juckt. nein, da schlag ich lieber wild um mich, wie es kleine jungs eben so machen, und hoffe, möglichst viele dieser viecher zu erwischen.

mein vater sitzt ein wenig abseits von meiner mutter und starrt mich wortlos an.
so starrt er sonst nur, wenn ich etwas falsch gemacht habe, wenn er gleich schimpfen wird, aber er sagt schon den ganzen abend nichts. er starrt nur, starrt mich an, als hätte ich den verstand verloren.
vermutlich denkt er das auch wirklich.
heute nachmittag nämlich fischte er einen wels aus dem see, der war riesig, und dann erklärte er mir stolz:
die wohnen ganz tief unten im see und fressen alles, was nach unten sinkt. sieh nur, junge, wie groß sein maul ist!

meine mutter nickte lächelnd zu seinen worten und sagte:
den werden wir heute abend grillen. mmh, das wird ein leckerbissen!

mir wurde ganz schlecht. nicht wegen der grillerei am abend, nein, sondern weil ich plötzlich erkannte:
in dem see, in dem ich so gern schwimme, leben monster! monster, die so riesig sind, dass sie mich auffressen könnten, mit einem haps wäre ich verschwunden.
leichenblass und mit zitternden knien war ich zu boden gesunken, vor lauter angst hatte ich kaum noch luft bekommen, mein vater hatte mich verächtlich angeblickt und nur geschnaubt.
meine mutter hatte mich in den arm genommen, um mich zu trösten, das war schön gewesen, aber ich hatte gespürt, dass auch sie meine reaktion ein wenig überzogen fand.

und jetzt sitzen meine eltern hier am lager.feuer, essen von dem monster, das mein vater geangelt hat, und schauen mich an, als hätte ich nicht alle tassen im schrank.
vielleicht haben sie recht. vielleicht hab ich ja wirklich nicht alle tassen im schrank, wie ich da stehe, am ufer eines sees, mit den armen um mich schlagend, um die gelsen zu vertreiben, und dem festen entschluss, nie mehr ein gewässer zu betreten –
nicht einmal die bade.wanne.
vermutlich habe ich den verstand verloren, ja.

doch plötzlich halte ich inne –
und obwohl sich sofort dutzende gelsen auf mir niederlassen, bewege ich mich nicht.
da singt jemand!
ich kann es hören, ganz leise nur, aber ich bin sicher: das bilde ich mir nicht ein.
ich drehe mich um, weg vom see, hin zu dem kleinen wäldchen, durch das wir gestern wanderten.
ja, von dort kommt der gesang, dort muss ich hin!
langsam setze ich mich in bewegung –
ein schritt, noch einer, ein weiterer.

was machst du denn, junge? wohin gehst du?
meine mutter ruft nach mir, aus dem augenwinkel sehe ich, dass sie aufgesprungen ist. auch mein vater ist jetzt aufgestanden, ich spüre, wie er sich in meine richtung bewegt, er wird versuchen, mich aufzuhalten.
aber das darf er nicht!
ich muss in den wald, dorthin, wo diese wunder.volle stimme singt!
niemand darf mich aufhalten, das darf einfach nicht passieren!

also renne ich los.
ich laufe schnell, schneller als je zuvor in meinem leben.
ich höre meinen vater hinter mit herhecheln, höre meine mutter, wie sie nach mir ruft, aber das interessiert mich nicht –
mich interessiert nur diese stimme, dieser gesang, der mich magisch anzieht.
immer schneller werde ich, der gesang weckt in mir bisher verborgene kräfte, ich renne und renne, als hätte ich mein leben lang nichts anderes gemacht.
leise höre ich hinter mir meinen vater rufen:
so bleib doch stehen, junge! was willst du denn im wald?
doch ich blicke mich nicht um, ich bleibe auch nicht stehen, nein, ich renne einfach weiter.
vor mir tauchen die ersten bäume auf, der gesang wird lauter, gibt mir neue kraft.

da! ein umgestürzter baum.stamm!
ich werde einfach drüberspringen, das schaff ich, ich muss nur genug anlauf nehmen –
und so werde ich schneller, setze zum sprung an und …

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roter regen | 20

ja wer ist denn da aufgewacht?
ist es nicht ein wunderbarer vormittag heute? die vögel zwitschern, die sonne scheint, hach, ganz wunderbar!

eingesperrt?
aber nein, mein lieber, das erkläre ich Ihnen doch jeden tag, Sie sind hier nicht eingesperrt, es ist zu Ihrem besten, wirklich! wir müssen einfach schauen, dass Sie wieder auf die beine kommen, körperlich, aber vor allem auch psychisch. wir müssen an dieser angst vor dem regen arbeiten, und Sie dürfen auch nicht jeden sonntag im speisesaal randalieren, wenn die enkelkinder der anderen bewohner himbeersaft neben Ihnen trinken.
ich weiß ja nicht, was Ihnen damals in dem keller passiert ist, in dem Ihr ehemaliger chef Sie gefunden hat, aber eins ist klar:
normal ist das nicht. und darum sind Sie hier.

wie?
ja aber natürlich werde ich Sie heute wieder mit dem waschlappen waschen, muss ich ja auch, immerhin haben Sie den duschkopf in Ihrem badezimmer, naja, sagen wir abmontiert.
hier hab ich auch schon alles, fangen wir wieder am rücken an mit dem schrubben?
sehr gut.

ich war mit meinem mann übrigens letzte woche bei Ihrem alten haus, der rosengarten ist noch immer ganz wundervoll, und wie es dort duftet! es war zwar nicht valentinstag, aber trotzdem sehr romantisch, mein mann hat gar nicht glauben können, dass die rosen wirklich immer blühen, sogar die bäume haben rote blüten getragen, toll war das.

so, bitte umdrehen, jetzt schrubben wir den bauch, aber Sie müssen schon ein bisschen still halten und nicht so zappeln, sonst bekomm ich nicht alles weg. der rote flaum ist heute weniger, schön, vielleicht hilft die neue creme, die Ihnen der herr doktor verschrieben hat.

mein mann war übrigens ganz verwundert, dass das haus angeblich leer steht. wir haben beim spazieren gehen jemanden singen hören, da hat wohl jemand einen übungsraum im keller, es war wirklich ein toller gesang.
was?
nein, wir sind natürlich nicht in den keller gegangen, das wäre ja hausfriedensbruch! mein mann hat nur durch eins der fenster geschaut, aber da war nichts zu sehen, alles war voller roter schlieren, so rotes algenzeugs, glaub ich.

gleich haben wir’s, dann kommt die schwester und bringt Sie zur therapie, ja? ich glaub, heut steht gesprächstherapie auf dem plan, das wird toll werden, schritt für schritt in ein neues leben! ich freu mich für Sie!

so, jetzt sind wir fertig. alles sauber!
dann wünsch ich Ihnen noch einen wunderbaren tag, erholen Sie sich gut, ja? ich hab jetzt dann frei, hatte heut ja nachschicht. mein mann wartet schon auf mich, der ist heut daheim geblieben, irgendwas ist mit seinen augen, er meinte, er sehe alles ganz rot, als wär da was drinnen in seinen augen.
naja, der arzt wird das klären, nehm ich an.

aber nicht doch, nein, warum schreien Sie denn schon wieder? bitte, beruhigen Sie sich doch!

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und wer hat das erlaubt? (#kolumne)

in sozialen netz.werken sind sie ja der renner –
bildchen mit meist schlechter grafik und folgendem inhalt:

wir haben unsere kindheit ohne play.station und handy überlebt, wir haben noch täglich draußen gespielt und im regen getanzt, wir wissen, wie sauer.ampfer schmeckt und was mucke.fuck ist.

stimmt. alles davon.
ich hatte kein handy, um mama zu sagen, wo ich mit wem bin, was ich gerade tue und noch tun werde, ich hatte auch keinen laptop, um im internet zu surfen (das es damals so ja noch gar nicht gab) und ich musste, nein, ich durfte auch im winter mit dem fahr.rad in die schule fahren.
ich hatte aber immer klein.geld in der tasche, weil mama trotzdem angerufen werden wollte, ich hab stunden.lang mit freund/innen in den fern.seher geschaut, auch bei sonnen.schein, und konnte mich vormittage lang am tele.shopping.kanal erfreuen – auch wenn wir nie was bestellt haben.
und ich hatte jeden winter wochen.lang husten – minus zwanzig grad sind auf dem fahr.rad halt doch ein wenig frisch.

was also war früher anders?
vielleicht gar nichts?
vielleicht hat sich nur das medium geändert? das gerät, das wir benutzen?

ist es besser, fernzusehen als im internet zu surfen?
wohl kaum –
denn es kommt immer darauf an, was man anschaut oder wo man surft.
ist es besser, tele.shopping zu schauen als im internet zu shoppen?
das ganz bestimmt nicht.
und ob ich mama mit dem handy oder aus der telefon.zelle anrufe, macht im grunde auch keinen unterschied.

was aber einen echten unterschied macht, sind die eltern.
wer in den dreißigern ist, kinder hat und solche bildchen verbreitet, der sollte mal über folgendes nach.denken:

wer hat es in der hand, was die eigenen kinder tun? zumindest, wenn sie noch jünger sind, wenn man als eltern noch die chance hat, ihnen den rechten weg zu weisen.
während papa auf face.book bildchen teilt, surft junior am handy im internet.
während mama online shoppt, schaut junior in den fern.seher.
und wenn die eltern nie sauer.ampfer kochen, woher sollen die kinder wissen, wie der schmeckt?

nein, früher war nicht alles besser, denn –
es ist auch heute noch gut.
man muss es einfach gut sein lassen.

darauf gönn ich mir jetzt einen mucke.fuck.

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© Denis Junker - Fotolia.com

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