Lichtgestalt | Waltraud Fussi

Unwirklich ist das, nahezu außerirdisch.
Eine Lichtgestalt hier auf dieser Andenhochebene an einem Tag zwischen Winter und Frühling. Der stahlblaue Himmel spannt sich über die karge und doch so grandiose Landschaft. Die Luft ist dünn und trotz strahlender Sonne noch kühl.
Und da steht er – eine Lichtgestalt unter Indios, die sich hier offensichtlich zu ihrem Wochenmarkt treffen. Er überragt alle. Seine Haltung drückt Stolz und Selbstvertrauen aus. Die Haare sind nicht so ganz pechschwarz wie bei den meisten Indios, auch trägt er sie länger.
Alles an ihm ist Ebenmaß und schön – außergewöhnlich schön.
Seine Haut wie helle Bronze. Das Gesicht markant und trotz der ebenmäßigen Schönheit sehr männlich. Seine Bewegungen sehr sparsam und doch ausdruckstark. Er spricht mit den Indios, die um ihn herumstehen – das heißt, die meiste Zeit hört er zu. Alle schauen zu ihm auf und doch scheint er einer von ihnen zu sein.
Ich frage einen der Indios, ob das der Kazike ist, was er verneint. Von dem Mann, der so um die 40 sein dürfte, geht eine spürbare Kraft aus. Die Krönung der ganzen Erscheinung und was ihn nahezu unwirklich erscheinen lässt, ist der silberne, knöchellange Mantel, der ihn wie eine Lichthülle umgibt.
Es muss unendliche Geduld erfordert haben, dieses Prunkstück aus hunderten, wahrscheinlich sogar tausenden Sicherheitsnadeln zusammenzufügen. Aber wie alles an dem Mann passt alles zusammen und zu ihm.
Als wir vier Gringas, die es ganz zufällig an diesen Ort verschlagen hat, uns aus unserem Staunen lösen und diese Gestalt auf Film festhalten wollen, gibt er uns durch eine eindeutige Geste zu verstehen, dass er das nicht möchte. Wir haben gar nicht geglaubt, dass er uns überhaupt wahrgenommen hatte.
Ich wäre nicht ich, wenn ich diese Zurückweisung einfach hingenommen hätte.
Ich nahm mein Herz in die Hände und wollte mich ihm nähern, um ihn anzusprechen. Außerdem wollte ich in die Augen dieser ungewöhnlichen Erscheinung schauen. Aber leider – er gab mir eindeutig zu verstehen, mich ihm nicht weiter zu nähern und unsere Kameras nicht weiter auf ihn zu richten.

Ob wir auf dem Markt etwas gekauft haben, weiß ich heute nicht mehr. Dieser ungewöhnlich stolze und schöne Mann wird immer in meiner Erinnerung bleiben.

* * *
Dieser Text entstand in der Schreibwerkstatt 2019.
Danke dafür!

 

roter regen. | 18

doch ich ignorierte sämtliche warnungen und wunderte mich nur –
wie konnte es sein, dass in einem so großen, alten haus nicht ein einziges werk.zeug zu finden war?

verärgert und ein wenig enttäuscht, mein vorhaben schon wieder auf unbestimmte zeit verschieben zu müssen, nahm ich den kopf.hörer ab. bis zu diesem zeitpunkt hatte ich das singen im keller erfolgreich verdrängen können –
doch kaum, dass ich den kopf.hörer abgenommen hatte, verschlang mich der gesang, ich konnte ihn mit jeder faser meines körpers wahrnehmen, er schien mich vollkommen zu vereinnahmen.

überzeugt, von dieser musik wahn.sinnig zu werden, schloss ich die augen, hielt ich mir die ohren zu und drehte mich langsam mehrmals im kreis, wie um mich aus diesem sog zu befreien.
als ich mehrere umdrehungen hinter mir hatte, öffnete ich wieder meine augen.
doch ich hatte mich gar nicht im kreis gedreht –
ich hatte mich mit dem gesicht zur tür gedreht.

zu jener tür, die weder eine klinke noch ein schloss hatte, die aber nun, nach meinem komischen tanz, einen spalt weit offen stand und mich einzuladen schien, den raum dahinter zu erkunden.

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warum frauen immer so lange brauchen.

kurz bevor.

es ist immer kurz bevor.

und die zeit, kurz bevor, ist viel zu kurz.

viel zu kurz für all die dinge, die ein mann erledigen muss. in dieser kurzen zeit.

kurz bevor – muss ein mann noch koffer packen.

kurz bevor – muss ein mann noch etwas fertig machen.

„es dauert nur fünf minuten, schatz.“

kurz bevor – muss ein mann noch duschen. rasieren.

für die firma ein email schreiben.

und all den kram zusammensuchen, den er im urlaub dann ohnehin nicht brauchen wird.

mit schmerzverzogenem gesicht muss ein mann dann all den kram ins auto schaffen – platzsparend, davon verstehen frauen nichts.

und kurz bevor er dann endlich den motor startet, muss ein mann tief durchatmen und sagen –

„waum frauen immer so lang brauchen.“

*

(geschrieben an einem dieser abende. als frau warten musste – um am ende doch wieder schuld an der verzögerung zu sein.)