Im Wimmerholz spukte es | Ernst Hansbauer

Oft waren wir mit Mutter in dem Wald, der sich bis auf 100 Meter oberhalb unseres Hauses ausdehnte.
Mutter pflückte Reisch, ein besonders langwüchsiges, hartes Gras, aus dem sie Matratzen machte und Pantoffel flocht. Meist hatten wir einen hölzernen Radlbock mit, auf dem wir vor allem Kropert, das waren kleine dürre Fichtenzweige, aufluden. Das Kropert wurde als Einstreu im Stall verwendet, aber auch als Unterkennt, also zum Ofeneinheizen, bevor Scheiter daraufgelegt wurden.
Es war immer abenteuerlich im Wald. Eichhörnchen trieben ihren Schabernack, Fasanen gingen oft erst hoch, wenn wir direkt vor ihnen standen, und beim Heimgehen schreckten wir oft einen Schwarm Rebhühner auf, die dann ganz nieder durch die Luft schwirrten. Einmal fanden wir im „heimlichen Steig“ drei kleine Schleiereulen unter einer Fichte kauern. Wir versuchten, sie groß zu ziehen. Ob es gelang, weiß ich nicht mehr, aber sie waren lange um uns.
Im Sommer sammelten wir auch Kübelweise Himbeeren, aus denen Marmelade gemacht wurde.
Eine Schale Himbeeren mit reichlich Rahm und Zucker war der Leckerbissen.
Einmal war meine Mutter allein unter den Mannshohen Himbeersträuchern unterwegs, als plötzlich ein für sie zunächst unbekanntes Wesen auf allen Vieren auf sie zu gekrochen kam.
Mutter blieb das Herz stehen. Das Ungeheuer kam ganz nah an sie heran, hob etwas seinen Kopf, schaute ihr lange in die Augen und verkroch sich wieder im Staudendickicht. Später erfuhr Mutter, dass es in Taiskirchen einen geistesgestörten jungen Mann gab, der normalerweise eingesperrt war.

100 Meter unterhalb unseres Hauses war nach einer steilen Leitn ein Gellert, das sind feuchte Gebiete, auf denen Stauden, Erlen und Haselnüsse wuchsen. In dem Gebüsch stand ein uraltes Holzhaus. Die Ferchtl Res wohnte darin. Wir Kinder glaubten, sie sei eine Hexe, nicht nur weil sie so aussah, sondern weil wir immer zu Tode erschraken, wenn sie uns aus einem der Fenster anglotzte. Im Lauf der Jahre wurde sie immer schwächer, man sah sie nicht mehr im Freien, doch wenn man in der Nähe vorbeiging, hörte man oft ein Pumpern.
Vom Bett aus versuchte sie nämlich immer, mit einem Stock die Ratten zu vertreiben. Man fand sie erst einige Tage nach ihrem Ableben – nicht sie, sondern was noch von ihr übrig war.

In diesem Gellert war auch eine Quelle, die zu einem Bründl führte. Von hier mussten wir mit einem Leiterwagen das Wasser für Stall, Küche und Wäsche holen. Im Spätsommer und im Herbst hatten wir meist kein Wasser. Die Quelle, aus der ein Widder das Wasser in ein großes Bassin oberhalb unseres Hauses pumpte, war oft versiegt. Ein Widder ist eine Wasserpumpe, die nicht mit elektrischem Strom angetrieben wird, sondern sich die Energie aus dem Staudruck des Wassers holt, um das Wasser nach oben zu befördern.

Mutter hatte nicht nur selbst sieben Kinder, sondern nahm von armen Mägden Kinder in Pflege.
Manchmal entbanden sie auch in unserem Haus. Vater arbeitete damals in einer Großtischlerei in Linz und schimpfte Mutter, wenn sie wieder ein neues Baby aufgenommen hatte. Das Geld, das die Kindesmütter schuldig waren, kassierte immer Vater. Das führte oft zu Streitigkeiten, weil Mutter nur über das Geld verfügte, das sie für Milch, Butter und Eier einnahm. Wenn Vater am Wochenende Heim kam, brachte er für jeden von uns einen kleinen Bensdorp-Riegel mit.

Vater hätte nicht schimpfen sollen wegen der Pflegekinder. Er war nämlich das dritte Kind unserer
Großmutter, die Magd bei einem Bauern in Lamprechten war. Die ersten zwei Buben nahmen ihre Eltern zur Pflege. Als jedoch noch ein Kind kam, waren sie nicht mehr in der Lage, es zu versorgen.
Die Bauersleute sagten, dass sie mit dem Kind nicht bleiben könne. Sie fand eine alte Frau, die in einer kleinen Keusche wohnte, einige Gehstunden vom Bauernhof entfernt, die den Kleinen aufnahm und ihn mehr schlecht als recht versorgte.
Mein Vater sagte oft: Ich bin so klein geblieben, weil ich als Kind nicht genug zu essen hatte.

* * *

Dieser Text entstand in der Schreibwerkstatt 2019.
Danke dafür!

 

was sagt ihr euren töchtern? (#kolumne)

die gestrige kolumne zum geschlechts.korrekten schreiben hat einiges an aufregung nach sich gezogen –
wie immer.
denn ‚wie kann sich frau nur erdreisten und für korrektes schreiben eintreten?
weiß sie denn nicht auch so, dass sie eine frau ist? muss es denn andauernd extra erwähnt werden?
meine güte, soll sie doch einen kurzen rock und ein enges ober.teil anziehen, dann sehen auch alle anderen, dass sie kein mann ist – und probleme mit den männern gibt es dann auch keine mehr.‘

dabei geht es mir vor allem – und das möchte ich betonen –, es geht mir vor allem um weibliches selbst.verständnis.
es geht nicht darum, in jedem satz auf biegen und brechen mann und frau und alles dazwischen unterzubringen, nein –
es geht darum, für weibliche dinge femininia zu benutzen, so, wie es die grammatik vorschreibt.
eine frau ist nun mal weiblich – auch, wenn sie kein enges ober.teil trägt.
und wir alle haben in der schule gelernt, dass feminina substantive weiblichen geschlechts‘  sind. das hat nichts zu tun mit gender.wahn, so ist einfach unsere sprache aufgebaut.

jetzt frag ich mich aber:
wenn es euch frauen schon so schwer fällt, für euch selbst einzutreten, wenigstens für euch selbst die richtige ausdrucks.weise zu benutzen –
was sagt ihr dann euren töchtern?

‚es ist schön, dass du autor werden möchtest, liebste tochter.‘
‚meine susi möchte mal friseur werden.‘
’natürlich bekommst du eher den job, wenn du viel nackte haut zeigst, anna.‘

ernst.haft?
dafür haben generationen von frauen vor uns gekämpft, dafür, dass wir uns am ende selbst als lust.objekt inszenieren, nicht nur für unsere/n liebste/n, sondern für alle, die gerade zufällig in unsere richtung schauen?
dafür, dass wir unseren töchtern den rat mit auf den weg geben, es den männern recht zu machen, anstatt sich mutig mit anderen frauen zu solidarisieren?
dafür, dass wir es nicht einmal schaffen, grammatikalisch richtig über unsere weiblichen mit.menschen zu sprechen?

für die männer ist all das ein viel kleineres problem – sie verwenden mutig korrekte grammatikalische formulierungen, ertragen freudig enge ober.teile (und bemerken es dabei nicht, wenn es dann doch mal ein weites ist) und unterstützen ihre eigenen frauen oft mehr als andere frauen es tun.

kann es sein, ich meine, wirklich?
ist es so.weit?

sind männer bald die besseren frauen?
wollen wir das unseren töchtern sagen?

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© Denis Junker - Fotolia.com

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