Die Tiefe des Sees | #gastautorin

Ein Moment Stille.
Erst eine kleine Träne. Dann zwei. Und schließlich Millionen Tränen.
Sie ließen die Tiefe des Sees noch ein Stückchen tiefer wirken.

Damals. Stell dir vor, du verlierst in einem Moment die ganze Freude deines Lebens, verlierst den wichtigsten Freund, den du je hattest. Dann fühlst du nur Trauer.
So ging es mir.

Ich, ein besonders goldiger Golden Retriever, saß mit meinem Herrchen und seiner Frau am See.
Ich wünschte, dieser Moment würde anhalten, für immer.
Für immer und ewig –
doch er verging.

Es war ein wunderschöner Tag, doch ein furchtbares Erlebnis ließ die Sonne verblassen. Ich saß da und hechelte, mein Frauchen ging zum See, legte ein Handtuch auf die grauschimmernden Kiesel und sonnte sich. Alles perfekt.
Es wurde warm und wärmer, die Sonne brannte auf uns herab. Das Ehepaar ging in den See, kühlte die Füsse, dann den Bauch und schließlich den ganzen Körper. Sie schwammen im See Runden um die Badeinsel.
Langsam wurde es kälter und der Abend brach in kleinen Stücken herein. Herrchen und Frauchen schwammen zurück.
Doch dann hörte ich Schreie, ich sah Hände im Wasser herumschlagen, sah nochmal genau hin und bemerkte, dass Frauchen keine Kraft mehr hatte.
Sie holte schwer Luft, Herrchen tauchte unter Wasser nach seiner versunkenen Frau.
Plötzlich rührte sich nichts mehr. Das Wasser stand still. Ich lief zum Wasser, sprang hinein, erreichte die Hand meines Herrchens, doch sie war zu schwer.
Soll ich sterben für zwei wunderbare Menschen, die eigentlich keine Chance mehr auf Leben hatten?

Ich ließ los –
ein leeres Maul.
Ich schwamm zum Ufer –
und wir sind wieder am Anfang.

Ein Moment Stille. Erst eine kleine Träne. Dann zwei. Und schließlich Millionen Tränen.
Sie ließen die Tiefe des Sees noch ein Stückchen tiefer wirken.
Die Tiefe des Sees, in dem ich beide Freunde verlor.

* * *

Lisa, 11 Jahre
(und ganz eindeutig meine tochter.
danke! ich bin stolz auf dich.)

roter regen | 22

sieh mal, junge, da ist eine möwe! sie fliegt ganz oben, und sie ruft ihre freunde!
meine mutter ist begeistert.
mit vom wind geröteten backen steht sie barfuß im nassen sand und winkt mir zu, die freude ist ihr ins gesicht geschrieben.
mein vater sitzt ein stück von uns entfernt auf einem felsen, versucht zu angeln. sein starrer blick ist auf die wasser.oberfläche gerichtet, so als würde er versuchen, die fische im wasser zu hypnotisieren.

ich sitze am ufer, beobachte meine mutter und wage es nicht, ins wasser zu gehen –
das wasser, von dem mein vater behauptet, dass un.heimliche kreaturen darin wohnen würden, ganz tief unten, dort, wo es immer dunkel ist.
und strömungen gibt es im meer, davor hat mein vater mich gewarnt.

also sitze ich da am strand, sehe die augen meiner mutter vor freude glänzen –
und spüre ein kribbeln in meinen zehen.
ein kribbeln, das über die waden bis zum po wandert, bald werde ich nicht mehr aufstehen können, ich fühle mich wie gelähmt, die angst hat mich fest im griff –
ich wage es nicht, aufzustehen, ich wage es nicht, sitzen zu bleiben, ich wage es nicht einmal, zu atmen.
ich sitze da am strand, gelähmt, gefesselt, ich ringe nach luft und kann doch keine bekommen.

da höre ich meine mutter, sie singt eins dieser elegischen lieder, die sie so liebt, eins dieser lieder, die mich immer in ihren bann ziehen, dem ich nicht entkommen kann, der mich aber beschützt, einhüllt, wie ein sog, dem ich mich vollkommen ergeben kann.
ich schließe die augen, spüre das kribbeln in den beinen, höre die möwen kreischen und meine mutter singen, ich fühle den kühlen wind auf meiner haut und den harten keller.boden unter mir –

mama, wo …

(weiter.lesen.)

* * *

(roter regen | 1 – wie alles begann.)

 

 

roter regen. | 19

atem.loses erstaunen –
genau das war es.

ich hielt den atem an –
und war so erstaunt, dass ich es nicht einmal bemerkte.
unfähig, einen klaren gedanken zu fassen, stand ich vor der tür.
ein heller licht.schein drang durch den spalt.
nur am rande nahm ich den rötlichen schimmer wahr, den der licht.schein im keller verbreitete. zu sehr war ich damit beschäftigt, mich aus dem sog des gesangs zu befreien, zu verarbeiten, dass die tür nun offen stand –
offensichtlich war es für mich an der zeit, einzutreten, wer auch immer das bestimmt hatte.
langsam kam mein verstand wieder zurück, langsam erholte ich mich von dem schock, von der überraschung.

ich atmete tief durch –
so tief, wie noch nie zuvor in meinem leben.
ich fühlte mich in meine kindheit zurückversetzt – genau so hatte ich mich gefühlt, wenn mein vater mit mir schwimmen gehen wollte.
oder fischen.
oder wenn ich im regen die einkäufe meiner mutter heimtragen musste.

doch nun war ich ein erwachsener mann. ich sollte fähig sein, meine angst zu unterdrücken, mich dem zu stellen, was da im keller auf mich gewartet hatte, anscheinend.
wie schlimm konnte es schon sein?

also atmete ich noch einmal tief durch, sah mich noch einmal in dem dunklen keller um, wie um mich zu verabschieden.
dann machte ich den ersten schritt hin zu der tür –
den einen schritt, der mich dem sog vollends ausliefern sollte.

doch das wusste ich zu diesem zeitpunkt noch nicht.

(weiter.lesen.)

roter regen | 17

am nächsten morgen war ich fest davon überzeugt, dass ich den mut aufbringen und die tür im keller aufbrechen würde.
ich stärkte mich mit einem doppelten espresso, verschlang zwei semmeln mit butter und marmelade und machte mich dann auf den weg in den keller.
dort unten musste ich als aller.erstes eine axt finden –

und den seltsam stimmlosen sing.sang aus meinem kopf verbannen. ich konnte nicht einmal meine eigenen gedanken hören, so erfüllt war ich von dem gesang, der aus dem keller direkt in meinen kopf drang.

also machte ich wieder kehrt und holte aus einem meiner koffer den mp3.player und die kopf.hörer –
musik würde dieses problem wohl lösen, dachte ich mir.
ich stellte die musik so laut, dass ich mich nicht einmal mehr selbst denken hörte.
so geschützt vor dem sing.sang stapfte ich wieder in keller.

hier unten musste es doch irgendwo eine axt geben!
ich durchstöberte jede ecke, jedes regal, ich öffnete un.mengen an kisten, atmete tonnen.weise staub aus lady eleonores zeit ein –
axt aber fand ich keine.
auch keinen hammer, keine säge, nicht einmal ein kleiner schraubenzieher kam mir unter.

irgendwie hatte ich das gefühl, das haus wollte verhindern, dass ich jene tür öffnete –
ach, hätte ich doch nur auf dieses gefühl gehört.

(weiter.lesen.)

auszug aus ‚ewiger hunger‘.

das ist der erste eintrag, den ich je auf diesem blog verfasst habe –
vor ziemlich genau neun jahren.

ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, meine aus wort.fetzen gestrickten babys der welt präsentieren zu können, und wie sehr ich mich über die ersten leser/innen gefreut hab.
und das erste gefällt mir? ein traum!

auch heute noch freue ich mich über jeden einzelnen klick, über sternchen, die vergeben werden, über meinungen und kommentare.
denn was gibt es schöneres, als menschen mit den eigenen worten zu unterhalten und zu inspirieren?

eben.
nix.

* * *

sinn.wort.spiel.

wozu mich auf jemanden einlassen, frage ich Sie, wenn dieser jemand mich doch nur fallen lässt, über mich hinweg steigt und mich im nächsten augenblick schon wieder vergessen hat? wozu mich mit menschen abgeben, wenn es auch einsam geht?

aber ich will ehrlich sein mit Ihnen – ich bin nicht ganz allein, ich habe da jemanden an meiner seite, schon sehr lange, wir sind uns vor jahren begegnet und können seitdem nicht voneinander lassen. ich muss gestehen, ich habe ein paar mal versucht, diese beziehung aufzugeben, ich wollte mich neu orientieren, aber ich habe schnell bemerkt, dass ich ohne diesen jemand nicht mehr sein kann, dass ich mich so sehr an diese person gewohnt habe, dass kaum noch platz ist für andere. nur wir beide, so soll es sein. so wird es immer sein. und daran möchte ich auch nichts ändern.

wie ich mir da so sicher sein kann wollen…

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eine besondere haus.aufgabe. | #schreibwerkstatt

diese woche hab ich in der schreib.werkstatt eine besondere haus.aufgabe gegeben:
schreib einen kurzen text, vielleicht sogar eine geschichte, ohne hauptwörter zu benutzen.

es dürfen also keine worte vorkommen, die man groß schreiben würde – auch keine orts- oder eigennamen.
das ist eine wunderbare übung für alle, die sich gern mit worten beschäftigen, denn man erkennt schnell:
es gibt immer einen anderen weg, etwas zu sagen, es muss nicht stets die formulierung sein, die man als erstes zu papier bringt.
solche übungen verändern unseren blickwinkel auf das, was wir schreiben –
und wie wir es schreiben:
das wie wird wichtiger, weil das wo oder was nicht mehr genannt werden darf.
und genau darum geht’s.

wie eine geschichte ohne hauptwörter aussehen könnte?
das verrat ich natürlich erst, wenn die anderen ihre geschichten geschrieben haben –
hier, bitte schön.

erste stunde … schön war’s. danke!

ich betrete den raum, in dem wir in den kommenden wochen gemeinsam schreiben werden, und sehe schon ein paar gesichter.
fein, ich bin also nicht die einzige,
schießt es mir durch den kopf.

ich setze mich, pack meine sachen aus, bereite mich innerlich ein bisschen vor, die ersten gespräche beginnen.
langsam füllt sich der raum, jeder stuhl ist besetzt, ich freu mich wie eine schnee.königin.
(naja, nein –
die schnee.königin war ja eigentlich unfähig, sich zu freuen, da bin ich anders.)

als dann alle da sind, plaudern wir, lernen uns kennen, setzen uns schon kleine ziele, was geschrieben werden soll, was in den fingern brennt.
ich schreib ein bisschen mit, plane im kopf die weiteren stunden, geb eine kleine haus.aufgabe, bei der mich meine story.cubes unterstützen –
und schon ist die stunde vorbei.

zu hause mach ich mir einen kaffee, setz mich kurz in den garten und kann mit einem glücklichen lächeln im gesicht sagen:
schön war’s. danke!

* * *
vielen dank auch an die dame, die schon während der stunde einen vier.zeiler verfasst hat, weil sie so inspiriert war.
so muss literatur!

* * *
kleiner nach.trag:
wir haben heute in der stunde über ein bestimmtes buch gesprochen, das ich ganz schrecklich fand.
und offenbar nicht nur ich.

bald geht es los. | #schreibwerkstatt

in knapp zwei wochen geht es los –
dann treff ich mich jede woche mit einigen damen und herren in der schreibwerkstatt
und wir werden schreiben, bis die finger glühen.

momentan bereite ich gerade das wie und was vor –
ich überleg, welche genres passen, welche themen spannend wären, such die story cubes, falls uns eine schreib.blockade befällt, und schaff auf dem blog hier ein wenig platz, damit wir die werke auch der digitalen welt präsentieren können.

das wird eine super sache, und ich freu mich wirklich schon sehr.

es ist immer toll, wenn menschen gemeinsam schreiben …
ich erinnere mich gern an die frühlings.gedicht.blogparade, oder die ein.wort.frühlings.blogparade.
da haben wir gemeinsam wirklich tolle sachen geschrieben.

hach, eigentlich kann ich’s kaum erwarten, loszulegen!

#EsKribbeltInDenFingern, denn seit ich meinen facebook.account so gut wie gelöscht hab, hab ich wieder viel mehr zeit zum schreiben, denken, kreativ sein.
schon schräg, wie viel zeit facebook eigentlich frisst und wie wenig man davon hat –
ich kann euch nur empfehlen, eure zeit sinnvoller zu nutzen.

gesagt, getan.
#IchBinDannMalSchreiben

das wahre leben | 3

stille überall.
draußen vor den fenstern der wohnung regiert die dunkelheit –
und auch in der wohnung ist es finstere nacht.

sie konnte nicht anders, sie konnte den dunklen balkon nicht verlassen, kein licht in der wohnung anmachen –
denn in ihr ist es schwarz, kalt, kein licht.strahl erhellt die dunkelheit ihrer gefühle, sie fühlt sich grau und immer grauer, mit jeder minute, die verstreicht, mit jeder minute, in der sie denkt, denken muss … und es doch nicht will. Weiterlesen

das wahre leben | 1

früh.morgens.
ein leiser, zwitschernder ton kommt vom nacht.kästchen.
war über nacht das fenster offen? hat sich etwa ein vogel ins schlaf.zimmer verirrt?
zusammengekniffene augen, tastende finger, ein leises fluchen –
wo ist das verdammte handy?

dann –
ein druck auf eine taste, das telefon verstummt, sie schließt ihre augen.
ruhe kehrt wieder ein im schlaf.zimmer.
aber nur äußerlich –
innerlich ist sie wach, kann nicht mehr schlafen, eine unruhe hat sie gepackt, die sie nicht mehr loslässt, diese eine un.ruhe, voller angst, etwas zu versäumen.
warum hat das telefon geläutet, es muss etwas passiert sein, irgendwo auf der welt, wie soll sie bitte.schön weiterschlafen, wenn sie nicht weiß, was los ist, sie will ja immer auf dem neuesten stand sein, nachrichten zu lesen ist doch so wichtig, sagt ihre oma immer, aber doch nicht morgens um 5:42, oder?, doch, gerade dann, ihr schönheits.schlaf kann warten, immer auf dem neuesten stand zu sein jedoch kann nicht warten.
genervt öffnet sie wieder die augen.
dreht sich langsam auf den rücken, nimmt das smart.phone in die hand, macht ohne hinzusehen ein paar geübte wisch.bewegungen und öffnet eine app.
das blaue vögelchen des kurz.nachrichten.dienstes empfängt sie, mit einem leisen zwitschern werden die neuesten informationen aus der welt jenseits ihres schlaf.zimmers geladen.
@itsme9876 war heute schon auf der toilette, @deralltagskotzer012 könnte schon wieder kotzen, @1koffeinsüchtigefrau trinkt kaffee (nicht ihren ersten heute), und der @mannamabgrund123xy mag noch immer keine assilanten.
gut zu wissen, einerseits, und kaffee würde ihr jetzt auch schmecken, andererseits.

was gibt es sonst noch neues? das lässt ihr keine ruhe.
ein schneller klick auf das blaue f, schon taucht sie ein in die welt der neuigkeiten.
freundin j macht ihre kinder gerade bereit für den kinder.garten, nachbar w konnte heute nacht nicht schlafen (lag wohl an den intergalaktischen schwingungen, die sein alpha.zentauri.bruder.im.geiste ihm sandte), die bekannte aus dem bauch.tanz.kurs hat schnupfen und nimmt deshalb in dreizehn.minütigen abständen je sieben globuli (die neuesten am markt, muss man einfach haben), und ihre ex war wohl wieder auf einer wilden party – na, die hat’s wohl nötig.

ein kurzer anflug von melancholie ergreift sie, weht längst verdrängte erinnerungen vor sich her wie vergilbten staub und legt sich so schnell, wie er gekommen ist, wieder über ihre noch müden gedanken.
lieber aufstehen. kaffee trinken.
wie ist denn heute das wetter eigentlich? reicht zum aufstehen der dünne morgen.mantel?
einmal wischen, einmal klicken, die wetter.app geht auf.
offenbar ist es heute kalt, höchstens fünf grad, mit verdacht auf schneefall in der nacht.
mist.
auch das noch.
dann doch lieber liegen bleiben.

schnell noch eine message an die welt da draußen:
@zwitscherhännä müde bin ich geh zur ruh #schonwieder

könnt ja jemanden interessieren, was sie so macht –
um 5:57.

***

(weiter.lesen.)