Sirenen | Anneliese Höller

Wir Sirenen, zu Hause im Tyrrhenischen Meer, altbewährt seit Homers Mythen, grüßen Dich, Fremder!

Ja, Odysseus, der König von Ithaka, hat den Rat der Zaubergöttin Kirke befolgt und seiner Mannschaft auf seiner Irrfahrt vom Trojanischen Krieg nach Hause die Ohren mit Wachs verklebt. Odysseus selbst hat sich an den Schiffsmast binden lassen, er hörte die Gesänge, konnte ihnen aber nicht folgen.
So ist er uns – halb Vögel halb Jungfrauen, ursprünglich Todesdämonen – und unseren verführerischen, betörenden, verlockenden Gesängen entkommen, und wir konnten ihn nicht durch den Sog der Gesänge anlocken. Dank der Zauberin Kirke konnte er seine Irrfahrt nach Hause mit vielen weiteren Hindernissen fortsetzen.

Wir aber, wir Sirenen, haben uns durch die Zeitgeschichte gekämpft, und es folgen unseren betörenden verführerischen Gesängen auch heute noch sehr, sehr viele Menschen durch die Irrfahrt ihres Lebens.

Ich hab dich schon verführt, du bist von mir abhängig, kannst ohne mich nicht mehr bestehen. Schrecklich vermissen wirst du mich, wenn du mich verlierst. Meine Kraft und Stärke darfst du nicht unterschätzen. Du bist dem Ruf der Sirene der Abhängigkeit gefolgt, denn ich bin die Sirene der Sucht. Ja, die Sucht der harten Drogen und des Alkohols habe ich über. Morpheus, der Gott der Träume, und der Gott des Weines, Dionysos, für den Wahnsinn und der Ekstase zuständig, wird euch guttun.
Der Kick durch einen Stich in die Vene – und du bist im Land der Träume, wohlfühlend warm, ruhig bist du dann. Keine Sorgen plagen dich. Du hast keine Gefühle mehr anderen gegenüber, dein Gesicht ist wie eine Maske, einfach emotionslos. Du brauchst mich sofort wieder, wenn die Wirkung des Morphins, des Kokains oder Heroins aus ist. Schmerzen in den Knochen werden dich plagen, du zitterst und frierst. Jetzt brauchst du Geld, du brauchst wieder den Stoff für deine Träume.

Ohne mich kannst du nicht bestehen, stehlen musst du, die ganze Familie betrügen. Du folgst meinen verführerischen Gesängen, dein Körper und deine Psyche gehorchen mir.

Ach, noch ein Reise-Achterl Wein, du schwankst schon und trinkst es trotzdem, steigst noch ins Auto und fährst kurvig davon. Ein Bier noch für in der Früh, sonst kommst du nicht in Schwung.
Die Krallen der Sucht stecken fest.
Wenn ihr aber sehr gut verdient, könnt ihr euch das alles leisten und gut vor der Gesellschaft verstecken, dann wirst du auch nicht kriminell, gönnst dir Frischzellenkuren und Vitaminpillen, die deine durch Kokain zerfressene Nase wieder richten, meine Gesänge verführen euch weiter. Ich hab euch doch fest in meinen Händen.

Kann ich euch vielleicht helfen, fragt die elegante Sirene der Schönheit, mit Cremen, Peelings, Lifting gegen schlaffe Augenlidern, Frischzellenkuren für besseres Erscheinen und Auftreten in der Gesellschaft, schöne Zähne, Entwässerungstabletten gegen das Aufgeschwemmt sein. Kein Interesse vorhanden.
Kommt kein Echo von euch, dann geh ich wieder.

Na vielleicht wär ja noch der Sport etwas: Immer höher auf die Berge, immer gefährlicher in die Tiefen der Berge, auf jeden Fall gefährlich muss es sein, hart erkämpft muss der Erfolg sein, hättet dann ja auch euren Kick und die Adrenalin-Ausschüttung. Gut, auch nicht angekommen, bleibt im Land der Träume.

Die Verlockung der Macht, schreit die energische Sirene, ich bin die Macht, hört ihr mich. Ich lenke viele Menschen, bin sehr erfolgreich, kann sogar Konflikte auf der Welt und Kriege anfachen. Aber ihr habt ja keine innere Kraft, Elan und Ehrgeiz braucht ihr dazu. Wollt ihr denn gar keine Macht, ich geb es auf, dreh den Rücken beleidigt zu Euch.

Gut, wie wär’s mit der Liebe, die ist doch auch eine Sucht, eine Sehnsucht nach anderen, braucht Ihr den Niemanden an Eurer Seite? Ich denke nicht an die Liebe der Abhängigkeit von einander, sondern an die wirkliche Liebe. Keine Kraft und keine Emotionen mehr? Aber vielleicht braucht ihr die Sirene der abhängigen Liebe, wiederstandlos den anderen ausgeliefert, keine eigene Meinung mehr, willenlos, wie Marionetten an Fäden.

Bin an die falschen geraten, hab’s schon verstanden. Bleibt bei eurer Liebe zum Morphin, dem Kokain, Heroin und dem Alkohol, das ist ja dann eure größte Liebe. lch schick euch die Verlockung des Glückspiels, stellt euch nur vor, da könnt ihr sogar etwas gewinnen und es ist spannend an den Glücksspielautomaten, auch ein gewisses Kribbeln. Zu wenig Anreiz zur Magersucht, seid sowieso schon ausgezerrt. Morpheus und Dionysos haben eine Freude mit Euch beiden, auch die Sirene der Sucht singt weiter.

Ein Schiff wird kommen und ihr werdet die Ohren verstopft haben und an einen Mast gebunden sein. Erst dann werden wir verstummen.

Noch einen sirenenhaften Gruß von uns Sirenen!

***

Dieser Text entstand in der Schreibwerkstatt 2019.
Danke dafür!

kalter entzug. (#kolumne)

still ist es geworden, ich weiß.
nicht nur hier auf dem blog, sondern auch auf allen anderen sozialen platt.formen, auf denen ich mich sonst so herum.treibe.

still ist es geworden, ich weiß –
und das hat einen grund:
ich hab mich im neuen jahr selbst auf entzug gesetzt –
auf facebook.entzug, social.media.entzug.
und ich muss sagen:
es fühlt sich großartig an!

ich hab einfach die facebook.app von meinem handy gelöscht – mehr war eigentlich nicht nötig.
der automatisierte griff zum handy, in jeder freien minute, um sich über vollkommen sinnbefreite status.beiträge zu informieren – vergangenheit.
das aufregen über dinge, die ich zwar nicht gutheiße, die über soziale medien aber von mücken zu elefanten werden – auch vergangenheit.

ich sammle noch immer kleidung für flüchtende, ich kämpf noch immer gegen schwurbelnde impf.gegner/innen, ich schreib noch immer auf meinem blog, und ich informier auch immer noch über die geschehnisse in der welt – aber anders, gezielter, nicht mehr bloß so. sondern abends, eine viertel.stunde lang, damit ich nicht völlig den blick auf die mediale welt verliere.

ich konnte in der so gesammelten frei.zeit ein stirn.band stricken, drei gute bücher lesen, vier neue yoga.posen erlernen, mit meinen kindern wunderbar beruhigende zentangles ausmalen und öfter mal tief durch.atmen, das schnee.treiben beobachten, den vögeln beim singen zuhören.
außerdem hab ich viele neue fotos für meinen instagram.account machen und ein paar neue ideen für meine aktuellen projekte sammeln können.
und das alles in den paar tagen, die seit silvester vergangen sind.

was ich versäumt hab?
status.meldungen über ausgedehnte shopping.touren, neueste theorien über nanobots, die unseren kindern mittels impfungen eingepflanzt werden, dann noch, warum diese jeans jener vorzuziehen ist, fragen zu haar.farben, und natürlich rassistische aufreger und sinnbefreite hetz.kommentare.
ewig schad drum.

wirklich schade ist allerdings, dass viele meiner freund.innen es nicht schaffen, sich von facebook auch nur ein bisschen zu lösen – jeglicher kontakt, der nicht über die soziale platt.form läuft, scheint unmöglich zu sein. der griff zum handy ist wohl ungleich schwieriger als das tippen in den computer.
dafür lebt der kontakt mit anderen auf, die sich ebenfalls frei machen von netz.werk.zwängen – oder nie gefangen waren.

probiert es aus, macht Euch frei –
es gibt so vieles, was spannender ist als das verbreiten von unwahrheiten in sozialen netz.werken.
und keine sorge:
es tut gar nicht weh!

© Denis Junker - Fotolia.com

© Denis Junker – Fotolia.com

das wahre leben | 2

die haus.arbeit ruft.
staub.saugen, wäsche.waschen, fenster.putzen – das übliche eben.
niemand macht es gern, jeder muss es tun.
wert.erhalt, nennt es ihre mutter – damit man auch später noch was hat von der wohnung.
nervig – nennt sie es, auch wenn man später noch was hat von der wohnung.
also sucht sie miss.mutig lappen und eimer, schnappt sich eine zeitung (für die fenster, alter trick ihrer oma) und das allzweck.putzmittel –
und legt los. Weiterlesen